Nah-Todeserfahrungen: Psychologisch-biologische Grundlage für den Glauben an ein Leben nach dem Tod

Verfasser: Michael Schröter Kunhardt
In:

Petersen, P: Majestät des Todes – Bewegung des Lebens. 3.Symposion für künstlerische Therapien. Kongressband, Hannover 1997, 93-117

 

In allen Religionen und Kulturen beruht-der Glaube an ein Leben nach dem Tod letztendlich auf ungewöhnlichen Erfahrungen in Todesnähe. Bis zur Hälfte aller Menschen, die dem Tod einmal nahe gekommen sind, berichten von diesen sog. Nah-Todeserfahrungen oder near-death experiences (NDEs). Aufgrund von Bewußtlosigkeit und Gedächtnisstörungen in Todesnähe, aber auch infolge von Abwehrprozessen, fehlender Untersuchung und störender Medikation ist jedoch eher von einer Unterschätzung der Prävalenz von NDEs auszugehen. Damit sind NDEs die häufigsten und grundlegendsten religiösen und religionsgründenden Erfahrungen aller Religionen aller Zeiten.

Epidemiologie. Demographische Variablen wie Alter, Geschlecht, Personenstand, Einkommen, Rasse, Herkunft, Bildungsstand, Beruf und Religiösität spielen keine Rolle für die NDE-Genese und -Häufigkeit und für die Kombination der NDE-Elemente. Persönlichkeitsfaktoren, Kultur und Religion beeinflussen nur die genaue Ausgestaltung der universellen NDE-Elemente und die Art des NDEs (negativ oder positiv).

NDE-Auslöser. NDEs werden immer dann ausgelöst, wenn der Betreffende sich in realer oder in psychologischer Todesnähe befindet. NDE-Inhalt bzw. -Typ sind dabei unabhängig von der Art der Auslösung. NDE-Elemente können aber auch künstlich (durch Halluzinogene, elektrische Stimulation des Gehirns, Hypnose, Meditation, autogenes Training oder eidetische Techniken) induziert werden. Insgesamt sind NDEs um so vollständiger bzw. ausführlicher, je näher der jeweilige NDEr sich an der Grenze zum biologischen Tod befindet.

NDE-Phänomenologie

Formale NDE-Merkmale. NDEs bestehen zu allen Zeiten, in allen Kulturen und bei den verschiedensten Individuen aus einer unterschiedlichen Kombination der gleichen Grundelemente, wenn auch in individueller Ausgestaltung derselben. Wie im sog. außerkörperlichen Erlebnis (outof-body experience bzw. OBE) als dem häufigsten auch singulär auftretenden NDE-Element dominieren optische Wahrnehmungen; es folgen akustische und dann - mit weitem Abstand -propriozeptive Wahrnehmungen. Im NDE/OBE ist das Denken formal intakt und bis zu einem gewissen Grad rational. Das übliche Zeiterleben scheint oft aufgehoben, es entsteht ein Gefühl der Zeitlosigkeit. Das NDE/OBE kann - wenn es erinnert wird - fast nie vergessen werden (Hypermnesie).

Inhaltliche Merkmale. In ca. 61% d.F. - die folgenden Zahlen stellen Mittelwerte aus den vorliegenden Studien dar - beginnen die modernen (positiven und z.T. auch die negativen) NahTodeserfahrungen mit angenehmen Gefühlen wie Ruhe, Gelassenheit oder Friede. Bei dem mit ca. 58% d.F. zweithäufigsten Element - dem OBE kommt es zu einem Gefühl der Trennung des Ich-Bewußtseins und der Wahrnehmung vom physischen Körper; dabei werden die Umgebung und der eigene Körper häufig von oben optisch wahrgenommen, wobei das beobachtende Ich in bis zu 41% d.F. auch noch einen Zweitkörper besitzt. Spätestens mit der außerkörperlichen Erfahrung geht oft auch ein plötzliches Gefühl der Schmerzfreiheit einher. In ca. 32% d.F. fliegt der NDEr anschließend zumeist sehr schnell und horizontal, seltener - zumeist in negativen NDEs -abwärts durch einen Tunnel. Dabei werden in ca. 13% aller NDEs Geräusche wie Zischen, Summen, Klingeln, Stöhnen, Jammern, Stimmen, häufiger aber sehr schöne, harmonische Musik gehört. In ca. 38% d.F. sehen die NDEr dann ein Licht (am Ende des Tunnels), das sie magnetisch anzieht und fast immer - besonders bei Verschmelzung mit diesem - mit Gefühlen von Glückseligkeit, bedingungsloser Liebe oder Allwissenheit erlebt wird.

In knapp 35% d.F. kommt es nach dem Tunnel-Licht-Erleben zum Eintritt in eine wunderschöne, kultur- und religions-spezifische Landschaft. Dort begegnet der NDEr (in ca. 30% d.F.) bekannten Verstorbenen; 27% aller NDEr treffen außerdem auf kultur- und religionsspezifisch erlebte religiöse (Licht-)Figuren. Schließlich kommt der NDEr (in ca. 33,4% d.F.) an eine Art Grenzzone (z.B. aus Flüssen, Bächen, Zäunen oder Toren); er spürt dabei, daß er diese Grenze nicht überschreiten kann, da das eine Rückkehr in den Körper unmöglich machen würde. An den unterschiedlichsten Stellen des NDEs erleben ca. 21,5% der NDEr außerdem noch einen Lebensfilm. Dieser zeigt inhaltlich einzelne oder viele - z.T. längst vergessene - autobiographische und fotographisch genaue Bilder des eigenen Lebens positiver oder negativer Art, wichtigen oder unwichtigen Inhalts. Die Bilder entsprechen in Farbigkeit, Schärfe, Plastizität, Realität, Tiefe, Helligkeit und Kontrast der alltäglichen Wahrnehmung. Der Lebensfilm kann mit und ohne Gefühlsbeteiligung erlebt werden. Als Lebensrevision kann der Lebensfilm aber auch eine ethische Bewertung beinhalten: Eher selten (in ca. 27% d.F.) kommt es manchmal noch zu Präkognitionen; diese treten z.B. im Rahmen des Lebensfilms auf, werden aber auch häufig von einem der Verstorbenen oder einer der religiösen Figuren offenbart. Inhaltlich handelt es sich zumeist um hellsichtige Visionen der persönlichen oder (ganz selten) der globalen (apokalypischen) Zukunft, die sich z.T. erfüllen.

NDEs bei Kindern. Inhaltlich beschreiben auch Kinder (schon ab dem ersten Lebensjahr) positive und negative Nah-Todeserfahrungen, die aus denselben Elementen wie die NDEs Erwachsener bestehen; nur Tiere scheinen bei Kindern eher vorzukommen und ein Lebensfilm findet sich möglicherweise erst bei älteren Kindern.

Negative NDEs. Es gibt verschiedene Typen negativer NDEs. (Selten) negatives Erleben positiver NDEs, positiv-negative und (häufiger) negativ-positive NDEs sowie höllische NDEs. Ihr Anteil liegt insgesamt bei bis zu 18 Prozent. Höllische NDEs bestehen dabei teilweise aus denselben Elementen wie die positiven NDEs: Es kommt in der Regel auch zu einem Gefühl der Zeitlosigkeit, einem OBE, zu fast immer unangenehmen Geräuschen, zu einer Tunnelpassage (oft jedoch abwärts!), zu einer (strengeren) Lebensbeurteilung, einer bedrohlichangstbetonten Gefühlsbeteiligung, dann zum Eintritt in ein höllisches Jenseits und schließlich zum Auftreten religiöser, aber in diesem Fall bedrohlicher Wesen wie z.B. Dämonen.

Nah-Todeserfahrungen in anderen Kulturen

NDEr aller Kulturen berichten in der Nähe des Todes vom Kontakt mit Wesen einer anderen Welt, die den Erlebenden in eine Art Jenseits bringen. Dieses besteht überall aus einer Art Unterwelt, deren Landschaften und Bewohner sich nur sich nur in Details unterscheiden. Diese dunklen, bedrohlichen Bereiche sind und waren die Orte der Prüfung und Bestrafung, aber auch des Durchgangs in eine bessere, himmlische Welt. Auch letztere wird in nahezu allen Religionen in Form von Paradieslandschaften beschrieben. Kulturübergreifend wird auch von Engeln berichtet; neben dem Christentum kennen sie z.B. das Judentum, der Buddhismus, der Hinduismus oder auch native amerikanische Religionen. Auch kommt es in allen Kulturen zu einer Lebensrevision, wenn auch häufig in Form eines Gerichtes bzw. einer Lesung aus einem Lebensbuch und nicht wie in modernen NDEs als filmische Lebensrevision.

NDEs sind somit im Gegensatz zu Halluzinationen konsistent aber nicht invariant Tatsächlich scheinen die jeweiligen Jenseitsvorstellungen mehr aus Nah-Todeserfahrungen zu resultieren als daß sie diese prägen. Die Auswirkungen der NDEs sind ebenfalls in allen Kulturen gleich: Man war sich sicher, einen Blick in das Jenseits getan zu haben und änderte sein Leben in Richtung einer zunehmenden (kultur- und religions-spezifischen) Religiosität. Einige Beispiele sollen nun die transkulturelle Ähnlichkeit der NDEs und ihrer Auswirkungen illustrieren.

Ägypten. Schon in der ca 5000 Jahre alten Religion des Sonnengottes Re gab es einen lichterfüllten Himmel als auch eine Höllen- oder Fegefeuer-ähnliche Welt der Verdammten. Die Sonnengott-Religion kannte wohl auch die Erfahrung der Lenkbarkeit der Sterbevisionen

über entsprechende religiöse Übungen..

Die ägyptische Osiris-Tradition wiederum beschreibt ein Verlassen des Körpers, das Phänomen des göttlichen Lichtes bzw. des Kampfes von Gut gegen Böse und damit der Kräfte des Lichtes gegen die der Finsternis, ein Wägen der Seele beim Totengericht, ein Weiterleben der Guten im Paradies aus herrlichen Naturlandschaften in leuchtenden Farben und eine Bestrafung der Bösen bzw. der Feinde des Sonnengottes und des Osiris. Auch von Ordalen und Hindernissen, die der einzelne überwinden muß, wird berichtet.

Griechenland. Platon berichtet eine der ältesten Nah-Todeserfahrungen nach klassischem Muster in seinem Werk 'Die Republik'. Dabei erlebte der Soldat Er ein Verlassen des eigenen Körpers, eine Reise, zusammen mit anderen Geistern, aus dem Dunkel ins Licht zu einem Ort des Gerichts, wo der Betreffende je nach seinen Taten zu einem Strafort oder in den Himmel geschickt wurde. Er erlebte auch Gefühle des Friedens, der Freude und des Glücks sowie Visionen von außergewöhnlicher Schönheit. Auch war Er damals überzeugt, das Jenseits gesehen zu haben und war zurückgekommen, um den Menschen davon zu erzählen. Diese sollten daraus lernen, daß nur intensivstes Streben nach wahrer Weisheit vor der Vernichtung fleischlicher, irdischer orientierter Menschen bewahrt.

Frühes Christentum. Auch in dem Bericht von der Saulus-Paulus-Konversion fallen typische NDE-Elemente auf: Ein himmlisches Licht (leuchtender als die Sonne), das Hören einer Stimme einer religiösen Figur und eine von dieser vermittelte Präkognition einer weiteren Vision, die sich beide erfüllten. Anschließend kam es zu einer Konversion - und damit zu einer extremen Persönlichkeitsveränderung - des Paulus von einem Verfolger zu einem Anhänger des Christentums. Später beschreibt Paulus noch eine Jenseitsreise mit einem außerkörperlichem Erlebnis, die er jedoch nur äußerst vorsichtig interpretierte:

2. Ich kenne einen Menschen in Christo; vor vierzehn Jahren (ist er in dem Leibe gewesen, so weiß ich's nicht; oder ist er außer dem Leibe gewesen, so weiß ich's auch nicht; Gott weiß es) ward derselbe entzückt bis in den dritten Himmel. 3. Und ich kenne denselben Menschen (ob er in dem Leibe oder außer dem Leibe gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es); 4. der ward entzückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, welche kein Mensch sagen kann (2.Korinther 12,2-4, Luther-Übersetzung).

Schließlich haben in einem bekannten Gleichnis auch der arme Larzarus in der Hölle und der reiche Mann in Gottes Schoß (im Himmel) einen Zweitkörper, mit dem sie als das jeweilige Individuum zu identifizieren sind. Außerdem kennt die Bibel im Alten und Neuen Testament das Motiv des Lebensbuches und damit der Lebensrevision. Judentum. In dem aus dem z. Jahrhundert nach Christi stammenden 'Buch der Herrlichkeit', das zu den wichtigsten und einflußreichsten Texten des jüdischen Mystizismus zählt, werden ebenfalls typische Sterbebetterscheinungen geschildert. So wußte man nach diesem Buch, daß der Tod nahe ist, wenn ein Mensch zunehmend häufig Visionen verstorbener Verwandter hat. Nach dem Tod würde die Seele, die den Körper Glied für Glied verlassen hat, noch um den Körper trauernd zwischen Grab und Wohnort hin- und herwandern. Schließlich würde sie alle verstorbenen Verwandten und Bekannten treffen und von diesen in das Reich des Entzückens oder zum Ort der Qualen geleitet werden, die der Aufenthaltsort des verdienstvollen Menschen bzw. des Sünders sind. Gott selbst soll nach dieser Tradition das Leben eines Menschen Revue passieren lassen, wenn er dessen Seele zurückzuholen gedenkt.

Islam. Auch Mohammed soll eine Himmels- bzw. Jenseitsreise gemacht haben, die in einer unmittelbaren Schau Gottes und damit der allumfassenden Liebe, wie sie auch die NDEr beim Verschmelzen mit dem Licht beschreiben, gipfelte. Kennzeichnend für die auf NDE-ähnlichen Erfahrungen beruhende (historische) islamische Mystik ist wiederum die Unaussprechlichkeit der mystischen Erfahrungen, die Aufhebung der Zeit, die Polarität von Himmel und Hölle, die entsprechend der Bilanz des eigenen Lebens nach dessen Ende erlebt werden, das Wissen um die Existenz Satans und der Engel oder die Schau Gottes als Erleben des Lichtes und göttlicher Liebe. Die Sufis als die islamischen Mystiker kannten auch die Kraft der Reue, die die NDE-Visionen im Sterben noch zu verwandeln - und damit das Buch der Taten noch zu reinigen vermag. Das (mystische) Licht wurde interessanterweise als Hinweis auf die Existenz, ja den göttlichen Ursprung der Seele verstanden.

Amida--Buddhismus in China und Japan. Der chinesische und japanische Pure Land Buddhismus - eine der größten buddhistischen Richtungen - ist ein klassisches Beispiel für eine große Religion, die sich ganz offensichtlich auf Nah-Todeserfahrungen gründet und auch zwei erste Fallsammlungen kompilierte. Der Amida-Buddhismus verspricht seinen Anhängern ein Leben nach dem Tod in einem (buddhistisch geprägten) paradiesischen Land, das von Amida, dem goldenen Buddha des ewigen Lebens und des unbegrenzten Lichtes beherrscht wird. Der Pure Land-Buddhismus kennt aber auch ausführliche Höllen- und Fegefeuer-Visionen.

Tibetanischer Buddhismus. Im Tibetanischen Buddhismus ist es das alle Ich-Anteile koordinierende und reflektierende Bewußtseinsprinzip, das als klares Licht den physischen Tod überlebt und durch sein Karma, d.h. die Summe des verantwortbaren Seins die Art des Lebens nach dem Tod bestimmt. Dieses beinhaltet alle typischen OBE-Phänomene (mit paranormalen Fähigkeiten), den Kontakt mit göttlichen und dann mit dämonischen Wesen, eine Lebensrevision bzw. einer Gerichtsszenerie und ein massives Höllen- bzw. Fegefeuerszenario. Im Gegensatz zu vielen esoterischen Interpretationen werden die positiven und negativen Sterbe-Visionen aber als Projektionen des eigenen Selbst und nicht als jenseitige Realitäten beurteilt.

Christliches Mittelalter. Mittelalterliche Nah-Todeserfahrungen wurden seit dem frühen Mittelalter (445 n.Chr.) beschrieben und erstmals von Papst Gregor dem Großen im 6. Jahrhundert nach Christi als Beweis für die Unsterblichkeit der Seele in einer Fallsammlung zusammengestellt. Ihr Grundmodus erinnert sehr an moderne NDEs:

Während der Körper des Kranken wie tot darniederliegt, hat dieser ein Ausleibigkeitserlebnis, währenddessen seine Seele, oft unter dämonischen Angriffen, zu den Jenseitsbereichen geführt wird. Wenn er die paradiesischen oder himmlischen Regionen erblickt (die etwas seltener als die Straforte geschaut werden), dann stellen sie sich ihm meist in Form eines herrlichen Gartens oder einer wunderbaren Stadt dar. Neben Gott, der Mutter Gottes, den Heiligen und Engeln trifft er dort nur selten auf Verwandte, öfter aber auf andere gerettete Gläubige. Die Rückkehr der Seele in ihren Leib erfolgt nur unter dem Widerstand des Sehers und hat oft depressive Empfindungen zur Folge. Wenn er noch weiterlebt, dann ändert sich fast immer der weitere Lebensweg des Visionärs hin zu größerer Frömmigkeit (Dinzelbacher 1989,54).

Schutzengel und Heilige verteidigten den NDEr gegen die Angriffe der persönlichen Dämonen, die dem Erlebenden seine Verfehlungen vorhielten, was das mittelalterliche Gegenstück zum modernen Lebensfilm darstellt. Dabei wird das Leben des Betreffenden nicht selten aus einem Lebensbuch vorgelesen und beurteilt.

Besonders typisch für die mittelalterlichen NDEs ist eine Art Test in Form eines Ordals, in dem verschiedene Widerstände bzw. Hindernisse die ethische Reife des Erlebenden prüfen und gegebenenfalls - bei dessen Versagen - auch schon eine Art Leiden an der eigenen Schwäche induzieren. Eine solche Begegnung mit den eigenen inneren Anteilen erklärt dann auch, daß im christlichen Mittelalter Gebete und andere Methoden der Zentrierung auf positive christliche Vorstellungen (z.B. den Namen Jesu) bzw. auf die eigenen Tugenden die schrecklichen Bilder schwinden bzw. das Ordal bestehen liessen und so - wie das Tibetanische Totenbuch - auf ihre noch vorhandene mentale Kontrollierbarkeit verwiesen.

Auswirkungen von (modernen) Nah-Todeserfahrungen

Grundsätzlich muß vor einer Überbewertung der NDE-Auswirkungen gewarnt werden, da es nur wenig qualitativ ausreichende Untersuchungen zu dieser Frage gibt und diese zumeist nur auf retrospektiven Selbsteinschätzungen beruhen.

Auswirkungen positiver NDEs. Bei nahezu allen NDErn kommt es - auch im Vergleich zu Menschen mit Todesnähe-Erfahrung ohne NDE - zu einer sehr deutlichen, nach einigen Untersuchungen (im Vergleich zu Kontrollgruppen) statistisch signifikanten Zunahme des Glaubens an ein Leben nach dem Tod. Diese Veränderung zählt zu den häufigsten und stärksten Auswirkungen der NDEs überhaupt und scheint mit der Tiefe des NDEs zu korrelieren. Mit dem Glauben an ein Leben nach dem Tod infolge eines NDEs geht eine sehr deutliche, ebenfalls z.T. statistisch signifikante Abnahme der Angst vor dem Tod einher. In unterschiedlicher Ausprägung wird auch eine Zunahme der Religiosität und der ethischen Lebensführung beobachtet. Schließlich wirken NDEs - auch schon das Lesen von NDEs - sehr oft (klinisch) suizidpräventiv.

Negative Auswirkungen von positiven NDEs. Zu den wichtigsten negativen Auswirkungen von NDEs gehört die Entwicklung überwertiger esoterischer Interpretationen der NDEs und deren Verkündigung. Dazu zählen beispielsweise der fälschlicherweise aus den NDEs abgeleitete Glaube an Reinkarnation, die Verwendung von NDEs als Religionsersatz bis hin zum Versprechen, alle Menschen würden nach ihrem Tod in den Himmel (ins Licht) kommen.

Auch kann es zu interpersonellen, familiären und sozialen Konflikten (Scheidungen, Berufsaufgabe) kommen, da der NDEr mit seinem alten Glaubens-, Wert- und Lebenssystem nicht mehr zurechtkommt Schließlich können aus NDEs (eher selten) auch einmal psychische Störungen z.B. flash-backs, Ich-Destabilisierungen mit psychotischen Zügen u.a.m. resultieren; dies scheint jedoch nur bei zuvor schon psychisch labilen Menschen der Fall zu sein.

Auswirkungen negativer NDEs. Die Auswirkungen negativer NDEs sind bisher wenig untersucht worden. Jedoch scheinen Menschen mit negativen NDEs dieselben Auswirkungen zu erleben wie die Menschen mit positiven NDEs. Sie glauben auch an Gott und an ein Leben nach dem Tod und sind sicher, daß es eine Art Hölle gibt. Auch eine Zunahme der Religiosität wird beobachtet; einige werden z.e. zu bibeltreuen Christen.

Negative Auswirkungen negativer NDEs. Negative NDEs können selten auch einmal negative Auswirkungen haben: Es kann zu einer mehr pessimistischen Sicht des Lebens und zum Anklammern an das irdische Leben kommen; Ängste, Depressionen oder ein verringertes Selbstbewußtsein können die Folge sein; manche NDEr fühlen sich auch nach ihrem negativen NDE vom Teufel bedroht bzw. verfolgt.

Zur Todesnähe beim NDE

Knapp 5096 der NDEs ereignet sich in unmittelbarer Todesnähe (Herzund/oder Atemstillstand). Manche NDEr berichten dann auch vom Ausfall erst ihrer optischen, dann ihrer somatosensiblen und schließlich auch ihrer akustischen Wahrnehmung. Dieser Befund korreliert mit der Tatsache, daß die optischen Bahnen mit ihrer größeren Sauerstoffmangel-Empfindlichkeit bei entsprechenden (hypoxischen) Störungen zusammen mit den anderen corticalen Leistungen zuerst ausfallen und die weniger Sauerstoffmangel-empfindlichen akustischen Wahrnehmungen am längsten bestehenbleiben (und deswegen auch zur Diagnostik des klinischen Todes eingesetzt werden können). Dementsprechend sind es wiederum nur akustische Signale, mit denen über lange Zeit komatöse Patienten wieder ins Bewußtsein zurückgeholt werden können.

Auf jeden Fall ist ein Teil der NDEr im konventionellen Sinne bewußtlos. Dabei sollte jedoch nicht vergessen werden, daß eine solche Aussage nur begrenzt objektivierbar ist; es handelt sich nur um einen äußeren Eindruck, bei dem die Feststellung des Grades der Bewußtlosigkeit sehr schwierig ist. Auch kann bei der Diagnose Ganz oder Teilhirntod ein weiterbestehendes Unter- oder Traumbewußtsein nicht ausgeschlossen werden! Tatsächlich können gerade die für die NDE-Genese wichtigen und dem Oberflächen-EEG nicht zugänglichen tiefen (basalen) temporalen Strukturen bei einem Nullinien-EEG durchaus noch aktiv sein. Das könnte wiederum das Auftreten von NDEs bei EEG-Nullinie erklären.

Außerdem haben neuere Untersuchungen gezeigt, daß NahTodeserfahrungen in größerer Todesnähe - und damit wohl auch mit zunehmender Erfüllung der Hirntodkriterien - häufiger werden.

Insgesamt bestehen Hinweise darauf, daß sich NDEs auch während des Hirntods ereignen können - und Transplantationen nach den HirntodKriterien auch aufgrund der Ergebnisse der Nah-Todesforschung Eingriffe in das Sterbegeschehen sind. Das Sterben selbst ist ein kontinuierlicher Prozeß, an dessen Ende der biologische Tod steht. Natürlich war kein NDEr biologisch tot.

Erklärungsmöglichkeiten der NDEs

NDEs als mystische Erfahrungen. NDEs weisen alle religions- und kulturunabhängigen Eigenschaften mystischer Erfahrungen auf: Einheils-Erleben, Transzendenz von Zeit und Raum, tief empfundene positive Stimmung, Gefühl der Heiligkeit, der Objektivität und Realität, Unaussprechlichkeit, Paradoxie und Flüchtigkeit des Erlebens sowie anhaltende positive Veränderung in Einstellung und Verhalten. Damit sind NDEs die häufigsten mystischen Erfahrungen überhaupt!

Psychologische Erklärungen der NDEs

Vorinformationen bzw. Erwartungen spielen kaum eine Rolle für das Auftreten von NDEs/OBEs. Infolge der Hypermnesie scheint auch die zwischen Erlebnis und Berichterstattung verstrichene Zeit den NDE-Inhalt (z.B. über Verzerrungen, Hinzufügen vorher nicht vorhandener Inhalte etc.) oder ihre Prävalenz kaum zu beeinflussen. Angesichts der transkulturellen Invarianz der NDE-Grundelemente ist nur die individuelle Ausgestaltung der NDEs abhängig von (unbewußten) persönlichen und damit psychologischen Faktoren.

Dissoziation. NDEs sind dissoziative Leistungen. Dafür sprechen die Auslöser [z.B. Mißbrauchserfahrungenl, die abrupte Schmerzfreiheit, autonome körperliche Leistungen beim OBE, das Auftreten von unkontrollierbarer außersinnlicher Wahrnehmung (ASW), die Tatsache, daß gewöhnliche Träume schon Kontakte mit personifizierten (dissoziierten) Anteilen von uns sind sowie der seltene Übergang in dissoziative Störungen.

NDEs sind nicht nur subliminale Wahrnehmungen. So werden die bei Sauerstoffmangel am längsten bestehenbleibenden subliminalen akustischen Wahrnehmungen immer auch akustisch erinnert und eben nicht (synästhetisch) in optische Bilder transferiert. NDEs aber sind primär optische Erfahrungen; akustische Wahrnehmungen fehlen nicht selten. Des weiteren werden akustische Information zumeist nur dann subliminal wahrgenommen, wenn es sich um furchterregende oder angstmindernde Inhalte handelt. Subliminale Wahrnehmungen beinhalten im Gegensatz zum NDE auch häufig die Wahrnehmung von Schmerzen und haben eher negative Auswirkungen. Schließlich gibt es (ND-)OBEs, die sich in geräuschloser Umgebung ereigneten.

NDEs sind kein Wiedererleben der Geburt. Während Geburtserfahrungen durchweg schmerzhaft und unangenehm sind, erweisen sich NDEs zuallermeist als sehr angenehme Erlebnisse und sind somit vielmehr das Gegenteil von Geburtserfahrungen. Das wichtigste Gegenargument gegen die Geburts-These ist jedoch die Tatsache, daß Kaiserschnitt-Geborene genauso häufig und dieselben OBE/NDE-Erfahrungen haben wie normal Geborene.

NDEs sind keine Abwehr des Todes. Niemand flieht in eine genaue Betrachtung/Verarbeitung der Situation, die ihm Angst macht. Gerade die bewußt erlebte Trennung vom Körper - und erst recht die Beobachtung des drohenden eigenen Todes im OBE - müßte nämlich eine ebenso große oder viel größere Angst auslösen wie die NDE-Auslösesituation.

Tatsächlich führen negative Gefühle wie Angst oder Furcht vor dem (ND-)OBE umgekehrt zur Beendigung desselben. Insofern ist also die Bewußtlosigkeit die eigentliche (archaische) Abwehr bzw. Verdrängung der belastenden Todesumstände bzw. des Todes. NDEs und OBEs sind also - wie Träume - Verarbeitungsversuche der eben nicht durch Bewußtlosigkeit abgewehrten, sondern in diesen beiden Erlebnisformen gerade (unterschwellig) wahrgenommenen Realität. Gegen die Verdrängungshypothese spricht auch, daß auch eine therapeutisch (und nicht NDE-)induzierte Lebensrückschau mit einer größeren Akzeptanz bzw. einer geringeren Verdrängung/Verleugnung des Todes einhergeht.

All diese Überlegungen lassen sich auch psychometrisch bestätigen: Gerade gering ausgeprägte Abwehrmechanismen, Religiösität und (damit auch) der Glaube an ASW führen bei Standart-ASW-Versuchen zu höheren Trefferresultaten. Religiosität korreliert wiederum mit dem Glauben an ein Leben nach dem Tod - und beide korrelieren mit einem häufigeren Auftreten von spontanen paranormalen Erfahrungen. Damit beinhalten auch NDEs und OBEs keine gesteigerten, sondern verringerte Abwehrleistungen, da sie höchst religiöse und ASW-beinhaltende/fördernde Erfahrungen sind!

Wunscherfüllung. Die religiösen Inhalte des NDE könnten darauf zurückgeführt werden, daß Todesnähe bei vielen Menschen nahezu zwangsläufig noetische und damit religiöse Fragen in den Vordergrund treten läßt, womit das NDE eine Art der Wunscherfüllung wäre. Daß auch areligiöse Menschen NDEs erleben, liesse sich dabei durch unbewußte, in der Areligiosität nur verdrängte, religiöse Tendenzen jedes Menschen erklären.

Die Universalität der NDE-Elemente bzw. ihre Unabhängigkeit von allen epidemiologischen, sozialen, religiösen, kulturellen und psychologischen Variablen läßt sie jedoch nicht als Folge einer immer subjektiven - und damit zu viel mehr inhaltlicher Varianz führenden - Wunscherfüllung erscheinen; diese könnte allenfalls bei der Ausgestaltung der NDE-Elemente eine Rolle spielen. Tatsächlich prädisponieren der (bewußte) Wunsch nach Unsterblichkeit bzw. die Religiösität in keinster Weise auch nicht bei experimenteller OBE-Induktion - zum Auftreten eines OBEs/NDEs. Wenn es sich bei den NDEs nur um halluzinative Wunscherfüllungen handeln würde, müßten sich auch die NDEs von Kindern aufgrund ganz anderer kindlicher Todeskonzepte von denen der Erwachsenen deutlich unterscheiden; das ist aber nicht der Fall.

Imagination. Gegen eine bloße Imaginationshypothese spricht, daß keine Korrelation zwischen dem Auftreten von OBEs und Luzidträumen und der Lebendigkeit oder Kontrollierbarkeit visueller Imaginationen besteht; allenfalls könnten die räumlichen Imaginationsfähigkeiten von OBErn und Luzidträumern etwas größer sein, was aber auch bloße Folge dieser Erfahrungen sein könnte. Auch zeigen OBEr keinen betont visuellen Kognitionsstil.

Differentialdiagnose Oneiroid. Teilbewußte Träume (Oneiroide) treten wie NDEs bei schweren bzw. lebensbedrohlichen Erkrankungen auf. Beide beinhalten ein szenisches Erleben, in dem der Erlebende eine aktiv oder passiv partizipierende Rolle spielt und das für ihn in ihrer Geschlossenheit den Charakter einer 'anderen Welt' bekommt. Beide Erlebnisformen sind durch ihren Realitäts-Charakter mit nahezu normalem Ich-Erleben, durch Überwachheit, Hypermnesie, (zumeist) fehlender Steuerbarkeit, große Farbintensität der Bilder, eine Aufhebung der Zeitdimension und ihren Charakter eines sinnvollen Verarbeitungsversuches der bedrohlichen Situation gekennzeichnet.

Beim Oneiroid handelt es sich jedoch - im Gegensatz zum NDE um individuell unterschiedliche, weltimmanente und zumeist bedrohliche szenische Halluzinationen, die das völlige Ausgeliefertsein an die Krankheit und den bedrohlich nahen - (noch) nicht über ein OBE/NDE transzendierten - Tod widerspiegeln und überwiegend mit negativen (angstvollen) Gefühlen einhergehen. Drei wesentliche Themata scheinen dabei zu dominieren: Gefangener zu sein, etwas Falsches getan zu haben, um die Gefangenschaft zu rechtfertigen und das Thema Tod. Außerdem fehlen beim Oneiroid die NDE-typischen (positiven) Auswirkungen.

Gemeinsamkeiten von NDEs und Luzid- oder Wachträumen. OBEs (NDEs) und Luzidträume kommen statistisch gehäuft zusammen vor und gehen mit einem cerebral arousal einher. Auch gelten Flugträume als Vorstufen von Luzidträumen und OBEs; die bevorzugte Fortbewegungsart in beiden Zuständen ist das Fliegen oder Schweben. Weiterhin können OBEs bzw. ein geträumtes Erwachen willentlich aus einem Luzidtraum heraus entwickelt werden. Vereinzelt können auch andere NDE-Elemente in Luzidträumen vorkommen.

Bezüglich Kognition, Emotion, Motivation, Ich-Bewußtsein bzw. IchErleben, Intentionalität, Rationalität, Zeithaftigkeit, Kommunikation, Erleben und Verhalten sind Wachträume wie OBEs und NDEs dem gewöhnlichen Leben wesentlich näher als gewöhnliche Träume oder reine Imaginationen. So ist im Wachtraum und im (experimentellen) OBE (selten im NDE) begrenzt bewußte Erinnerung und eine willentliche Ausführung geplanter Handlungen möglich (und z.T. physiologisch meßbar). Auch beobachtet der Perzipient in beiden Formen des Erlebens ein vollständiges und in sich konsistentes Wahrnehmungsfeld und nimmt während dessen gleichzeitig wahr, daß er sich in einem veränderten Bewußtseinszustand befindet.

Im Luzidtraum wie im NDE/OBE entspricht die Verteilung der Sinnesmodalitäten der des normalen Wachbewußtseins. Die Luzidtraum-Bilder selbst scheinen eine sofortige Umsetzung von Gedanken in Bilder zu sein und sind sehr real und farbintensiv. Andererseits werden (kleinere) Einzelheiten der Traumwelt im OBE/NDE und im Luzidtraum nicht als irreal erkannt. Die auftauchenden Gestalten haben in beiden Zuständen anscheinend ein eigenes Bewußtsein und lassen sich als Personifikation eigener Anteile des Unterbewußtseins verstehen.

Weitere Gemeinsamkeiten von NDE/OBE und Luzidtraum sind die zumeist extrem positive Gefühlsqualität, das Auftreten von Angstgefühlen im OBE und im Luzidtraum, wenn der Erlebende glaubt, nicht mehr in die Realität zurückkehren zu können, und-die Hypermnesie infolge hoher cerebraler Aktivierung.

Unterschiede zwischen NDEs und Luzidträumen. OBEs ereignen sich in 62 bis 88% d.F. im Wachzustand, Luzidträume jedoch nur im Schlaf. Luzidträume sind dann auch ein Erwachen im REM-Schlaf, während OBEs im EEG zumeist nicht mit REM-Phasen einhergehen. Auch führt Angst oft zur Luzidität, beendet umgekehrt aber häufig OBEs. In den OBEs kommt es im Gegensatz zum Luzidtraum häufig zu Geräuschwahrnehmungen.

Im Gegensatz zu den NDEs kann der Luzidträumer die Bilder bei Aufrechterhaltung einer kritischen (emotionalen) Distanz oft kontrollieren. Die Klartraum-Bilder sind im Vergleich mit den NDEs/OBEs auch symbolischer, phantasiereicher und individuell unterschiedlicher; dabei findet eher ein abrupter Szenenwechsel statt. NDEs und OBEs bestehen dagegen - unabhängig von persönlichen oder kulturellen Faktoren - aus universell gleichen Grundelementen. Sie beinhalten z.B. wesentlich häufiger als Luzidträume OBEs, Tunnelphänomene, außersinnliche Wahrnehmungen sowie mystisch-religiöse Qualitäten.

Somit könnten NDEs (und weniger auch OBEs) einerseits präluzide Träume sein, weil sie in der Regel nicht/kaum kontrolliert werden. Andererseits könnten die mit zunehmender Todesnähe immer vollständiger werdenden NDEs auch postluzide Erfahrungen und die Kontrollierbarkeit der Bilder nur ein vorübergehendes Phänomen sein, das mit zunehmender Todesnähe verlorengeht. Dafür spricht besonders die Tatsache, daß es mit zunehmender Hypoxie zum Sistieren corticaler EEG-Aktivitäten kommt, die vermutlich mit der Kontrollierbarkeit korrelieren.

Insgesamt sind die phänomenologischen ,Unterschiede zwischen Luzidträumen und OBEs so groß und auch die statistische Assoziation zwischen beiden so schwach, daß sich eine einfache phänomenologische Gleichsetzung verbietet. Erfahrene unterscheiden dann auch ihre OBEs von ihren Luzidträumen.

Psychoanalytische Konzepte. Aus psychoanalytischer Sicht sollen NDEs Regressionen (im Dienste des Ego) sein; die NDE-Figuren sollen wiederum durch einen Filter innerseelischer Prozesse wahrgenommen werden, der auch narzißtische u.a. Motive beinhaltet. Sicher sind NDEs zumindest immanente religiöse Erfahrungen, die (bei den positiven NDEs) zu einer Verschmelzung mit eigenen höheren Selbst-Anteilen führen, die z.B. in bildhafter Form vom Licht repräsentiert werden, Für die Annahme, daß es sich auch bei den religiösen Figuren des NDE um eigene (höhere) Anteile handelt, spricht die Tatsache, daß diese Figuren zuweilen ganz alltägliche, wenn auch gute Ratschläge erteilen. Auch in der Lebensrevision könnte sich ein verantwortliches (höheres) Selbst bzw. ein Gewissen zeigen, das eine solch ethisch hohe Lebensbeurteilung im NDE erst ermöglicht.

Gegen einen psychoanalytischen Reduktionismus. NDEs werden nicht nur auch objektiv zumeist von einem eher starken, wenig regredierten (erwachsenen) Selbst erlebt. Auch spricht das Ausmaß, in dem bestimmte rationale Funktionen - wie z.8. Gedächtnis, Selbstreflektion, rationale Bewertung, Toleranz für Zweideutigkeit, selektive Wahrnehmung oder die Fähigkeit zu ordnen, zu lokalisieren und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu unterscheiden, besonders aber die ethische Bewertung - in mystischen Erfahrungen/NDEs noch vorhanden sind, gegen die Annahme, daß es sich beim NDE um eine bloße Regression handelt.

Eine der wenigen Studien, die die Abhängigkeit der NDEs von der Persönlichkeit des NDErs untersuchte, hat gezeigt, daß keines von 40 untersuchten NDE-Elementen mit so wichtigen psychologischen Variablen wie Alter, Geschlecht, Familienstand, Bildung, Beruf, Vorhandensein eines Hirntraumas, dem Glauben an Geister, Gott oder das Schicksal oder aber mit dem Vorwissen über NDEs korrelierte, obwohl diese ja nach psychoanalytischem Konzept deutliche Auswirkungen auf die NDE-Inhalte haben müßten. Auch ein intro- oder extrovertierter Persönlichkeitsmodus vor dem NDE schien nicht mit den NDE-Elementen in Zusammenhang zu stehen.

Den aus den NDEs ableitbaren Wunsch V bzw. Trieb nach Unsterblichkeit als Leugnung des Todes zu bezeichnen, ist auf jeden Fall dasselbe, als würde man - um nur ein Beispiel zu nennen - die Sehnsucht nach Liebe eine Leugnung der Lieblosigkeit nennen! Ist es da nicht viel

sinnvoller und dem menschlichen Wesen näher, die Lieblosigkeit die Verdrängung der Liebe bzw. der Liebesfähigkeit zu nennen? Tatsächlich stellen die in allen Kulturen vorkommenden, erstaunlich ähnlichen göttlichen und dämonischen Bilder bzw. Visionen eine der gewöhnlichen Psychoanalyse nicht zugängliche tiefere Schicht der menschlichen Seele dar. In diesen 'archetypischen' Bildern zeigen sich möglicherweise die universellen elementaren Kräfte oder 'Quanten' der menschlichen Psyche, die möglicherweise<transzendierende, jenseitige Kräfte darstellen!

Psychopathologie der OBEs/NDEs

Im amerikanischen Diagnosesystem psychischer Erkrankungen (DSM IV R) werden mystische Erfahrungen zusammen mit den NDEs als psychospirituelle Probleme kategorisiert. Das Ausmaß, in dem bestimmte rationale Funktionen und besonders die Fähigkeit zur ethischen Bewertung in mystischen Erfahrungen/NDEs noch vorhanden sind (s.o.), spricht jedoch gegen eine Psychopathologisierung der NDEs.

Dasselbe gilt für die zuallermeist positiven Auswirkungen der NDEs. Bei verschiedenen Untersuchungen der NDEr/OBEr zeigten diese im Verhältnis zu Kontrollgruppen dann auch keine psychischen Auffälligkeiten. In diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache zu sehen, daß ASW - als Teil der NDEs und OBEs - negativ mit den Psychotizismus-Werten in Persönlichkeitsfragebögen (Cattells und Eysencks) korreliert.

Tatsächlich wäre es psychopathologisch, den Realitätsbezug in einer körperlich völlig desolaten Lage aufrechtzuerhalten, wenn die Realität keinerlei Ich-stärkende bzw. wachstumsfördernde Möglichkeiten mehr bietet, ja das Ich zu zerstören droht. Das psychiatrisch Normale - der adäquate Realitätsbezug - kann in dieser Lage also psychopathologisch sein.

Depersonalisation und Derealisation. Es gibt deutliche formale und inhaltliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen OBEs und Depersonalisation/Deralisationsphänomenen, die auf einen kontinuierlichen Übergang zwischen diesen beiden Erfahrungen hinweisen. Beim (ND-)OBE/NDE fehlt jedoch zumeist die die Depersonalisation begleitende negative Emotionalität (Empfindungslosigkeit, Angst, Panik, Fremdheits- und Krankheitsgefühl) - und es kommt im NDE/OBE zu keinem Gefühl der eigenen Irrealität bzw. der Entfremdung von sich selbst. Der (ND-)OBEr erlebt sich vielmehr als völlig intaktes Ich, ja das Selbst- und Realitätsgefühl des NDErs/OBErs sind oft deutlich gesteigert.

Differentialdiagnose Psychose. Nur selten können abgewandelte NDE-Elemente einmal Teil von (zycloiden) Angst-Glücks-Psychosen sein, wobei jedoch - infolge einer stärkeren Ich-Alteration -eher inkohärente, verworrene Bild- und Gedankenfolgen in fehlender Geschlossenheit dominieren, in die der Erlebende unabgegrenzter hineingeworfen ist und dementsprechend auch psychotische Symptome aufweist. Im Gegensatz zu den NDEs sind die Angstpsychosen auch viel häufiger als die Glückspsychosen; außerdem zeigen Angst-Glücks-Psychosen keinerlei inhaltliche Gemeinsamkeiten.

NDEs dagegen treten bei psychisch Gesunden wie psychisch Kranken nur in (psychologischer oder realer) Todesnähe auf, sind in der Regel selbstlimitierend, und es fehlen zumeist anhaltende manische oder depressive Affekte, alle Arten von psychotischen Erlebnisweisen (z.8. formale Denkstörungen) und auch die schnellen Stimmungswechsel von Angst und Glück.

Auch bestehen die NDEs psychisch kranker Menschen aus den typischen NDE-Elementen und unterscheiden sich formal und inhaltlich deutlich von ihrem psychopathologischen Erfahrungen und Ich-Erleben. Außerdem treten OBEs und NDEs bei psychiatrischen Patienten nicht häufiger als bei Gesunden auf, was zu erwarten wäre, wenn es sich um psychopathologische Phänomene handeln würde. Insgesamt lassen sich NDEs ähnlich wie Träume durch ihre kurze Dauer und ihre adaptive, sinnvolle Funktion für die Psyche von den Psychosen abgrenzen.

NDEs sind nicht nur Halluzinationen. Einiges spricht dagegen, daß NDEs nur Halluzinationen sind. Zum einen lehrt die westliche Kultur/Religion keine NDE-Sequenzen, die der NDEr somit im Sterben halluzinieren könnte. Auch müßten gerade Kinder andere NDEs als Erwachsene erleben, wenn es sich um bloße Halluzinationen handeln würde, da Kinder ganz andere Todeskonzepte haben. Weiterhin treten NDEs nicht häufiger bei psychisch Kranken bzw. Halluzinierenden auf, und der Lebensfilm besteht überwiegend aus fotographisch genauen Erinnerungen, ist also sicher keine Halluzination. Selbst wenn NDEs mit einer Freisetzung köpereigener Halluzinogene korrelieren: Halluzinogene führen nicht nur zu Halluzinationen, sondern u.a. auch (in hohen [psychedelischen] Dosen) zur Zunahme außersinnlicher Wahrnehmungen (ASW).

Auch sind OBEs keine heautoskopischen Halluzinationen, a) weil die Stimmung im OBE zuallermeist positiv-freudig, ja nicht selten ekstatisch ist, während die (He)autoskopie oft mit einem Gefühl der Traurigkeit einhergeht b) weil der OBEr seinen Körper von außen und nicht wie bei der Autoskopie aus dem Körper heraus beobachtet c) weil der physische Körper und die Umgebung nicht nur fragmentarisch und nicht seitenverkehrt wahrgenommen werden d) weil es beim OBE nicht zur Bewegungsimitation kommt, der beobachtete physische Körper vielmehr zumeist bewegungslos ist oder aber automatisierte eigenständige Bewegungen ausführt, die der OBEr beobachtet e) weil die Altersverteilung von OBE und Autoskopie sich unterscheiden: Letztere scheint im Gegensatz zu OBEs nicht im Kindesalter vorzukommen..

Gegen die Halluzinations-Hypothese spricht auch die Möglichkeit der OBE-Verifikation. Außerkörperliche Erfahrungen werden wie die NDEs unabhängig von der eigenen Religiosität von allen Bevölkerungsgruppen (auch von Kindern unter 2 Jahren und von Blinden) erlebt. Sie treten als transkulturelle Grunderfahrung auch unabhängig von den NDEs auf und erlauben über ihre experimentelle Auslösung Verifikationsversuche, da räumliche und materielle Grenzen bei den durch Gedanken/Wünsche gesteuerten Bewegungen im OBE-Zustand scheinbar keine Rolle spielen und ein steuerndes Ich-Bewußtsein erhalten bleibt.

Zwar ist die Unterscheidung von Realität und Fiktion im OBE oft eingeschränkt. Dementsprechend sind die scheinbar realen Wahrnehmungen teilweise falsch bzw. imaginiert. Andererseits gibt es im OBE auch verifizierbar-richtige außersinnlichen Wahrnehmungen und dazwischen alle möglichen übergänge bzw. Mischformen. In einer neueren OBE-Fallsammlung enthielten z.B. immerhin 34,4% von 288 OBEs verifizierbare außersinnliche Wahrnehmungen. Viele anscheinend außersinnlichen Wahrnehmungen im OBE sind jedoch unzureichend überprüft und der Ausschluß einfacher bzw. unterschwelliger optischer (und akustischer) Wahrnehmungen (und damit der Kryptomnesie) gelang nur in Einzelfällen.

Andererseits konnte gezeigt werden, daß die Fähigkeit zum OBE - auch experimentell -mit gesteigerten ASW-Fähigkeiten einhergeht. In zwei Untersuchungen wurde auch eine signifikant positive Korrelation zwischen der begutachteten Echtheit induzierter OBEs und der Genauigkeit einer paranormalen Zielobjekt-Identifizierung durch den OBEr festgestellt. In einigen Fällen wird der OBEr sogar von Lebenden als Erscheinung gesehen. Dabei kann der OBEr zuweilen auch an demselben Ort beobachtet werden, von dem aus er selbst die Umgebung wahrnimmt.

Tatsächlich können auch die NDE-ähnlichen spontanen (OBE-) Erscheinungen Sterbender oft nur aus der Absicht des Sterbenden verstanden werden, mit seiner überzufällig häufig um den Zeitpunkt seines Todes stattfindenden Erscheinung eben seinen Tod zu signalisieren. Da diese Erscheinungen ebenso wenige Stunden vor wie wenige Stunden nach dem Tod des Betreffenden erfolgen, wäre der Sender in den einen Fällen ein Sterbender, in den anderen jedoch ein schon Verstorbener!

Schließlich haben die diese (NDE-ähnlichen) Erscheinungen (von OBErn und Sterbenden) wahrnehmenden psychisch gesunden Lebenden oft kein Wissen von dem und auch keine Erwartung des Erscheinenden und sind zum Zeitpunkt der Erscheinung oft mit etwas ganz anderem beschäftigt. Die Erscheinung selbst wird zuweilen auch von mehreren Lebenden ,zur gleichen Zeit und am gleichen Ort) erlebt/gesehen und überbringt zuvor unbekannte Informationen, was auf eine Zeitund Raum-unabhängige und damit nicht nur halluzinierte Existenz des Erscheinenden verweist.

Paranormale Leistungen (im NDE). Nach mehreren Untersuchungen erleben zwischen 39 und 45 Prozent aller NDEr außersinnlichen Wahrnehmungen. Tatsächlich sind besonders religiöse Erfahrungen und dazu zählen die NDEs - PSI-induktiv. Dabei sind die außersinnlichen Wahrnehmungen in den NDEs bzw. in den (ND-)OBEs wie paranormale Leistungen (im Traum) zumeist nicht fotographisch genau bzw. nie vollständig richtige Wiedergaben der Wirklichkeit, sondern oft durch subjektive Bilder bzw. traumhafte Umgestaltungen] Verzerrungen verschlüsselt.

Für die Zunahme paranormaler Leistungen im Rahmen des NDE scheint das (ND-)DBE das entscheidende Element zu sein; es steht mit fast allen PSI-Komponenten (ASW und PK) des NDE in Zusammenhang und ist PSI-induktiv (s.o.). Insgesamt scheint die Zunahme paranormaler Fähigkeiten mit dem Auftreten und der Intensität/Tiefe von NDEs zu korrelieren. Das aber würde bedeuten, daß mit zunehmender Todesnähe außersinnliche und damit außerkörperliche Leistungen zunehmen - und der Sterbende somit in die Bereiche jenseits von Zeit und Raum und damit der Unsterblichkeit eintritt!

Bevor jedoch (im NDE) eine Wahrnehmung als außersinnlich klassifiziert wird, müssen alle anderen Erklärungen (wie z.8. Kryptomnesie) für den jeweiligen Informationsgewinn ausgeschlossen werden. Die Tatsache, das paranormale Leistungen (im NDE) nicht beliebig reproduzierbar sind, spricht jedoch nicht gegen ihre Existenz; als komplexe dissoziierte Leistungen des Unbewußten sind sie eben nicht willkürlich einsetzbar. Einige Begabte können paranormale Leistungen aber auch gelegentlich experimentell erbringen.

Grundsätzlich transzendieren paranormale Fähigkeiten in ihren Zeit und Raum überschreitenden Eigenschaften die Grenzen der vergänglichen Materie - und damit die des Todes. Neben ihrem dissoziativen Charakter könnte genau das auch eine Erklärung dafür sein, warum paranormale Phänomene innerhalb der materiellen Grenzen - und damit bei Lebenden - sich nur selten und koboldhaft manifestieren, im Sterben aber deutlich zunehmen!

Psychologisch sind paranormale Phänomene auf jeden Fall eine

... äußerst rudimentäre, archaisch-infantile Kommunikation im "affektiven Feld" ,. , die sich nicht der üblichen Zeichen entwickelter menschlicher Kommunikation bedient, und deren Ursprung vielleicht in den von C.G.Jung als "Archetypen" bezeichneten Menschheitsvorstellungen gefunden werden kann (Streichardt,1991,684).

Zu diesen Archetypen zählen nach C.G.Jung aber auch die im NDE vorkommenden Verstorbenen, Dämonen und religiösen Figuren, was das gehäufte Auftreten außersinnlicher Wahrnehmungen im NDE erklären könnte.

Ein weiterer Grund für die Zunahme paranormaler Leistungen in den NDEs ist schließlich die in der Parapsychologie bekannte Tatsache, dass NDEs wie Träume zu den Veränderten Wachbewußtseinszuständen (VWB) zählen, in denen es generell vermehrt zu außersinnlichen Wahrnehmungen kommt. Außerdem treten paranormale Wahrnehmungen gehäuft im Rahmen von bedrohlichen, angsterzeugenden Situationen und damit bei einem dringenden Bedürfnis nach Mitteilung auf, in denen besonders innige, affektive Spannungen bzw. Bindungen (zwischen Sender und Empfänger) bestehen. Genau eine solche Situation aber stellt das Sterben dar.

Neurobiologie der NDEs

Die Bedeutung neurophysiologischer Korrrelate ist grundsätzlich einzuschränken: So wie die Wahrnehmungen der physikalischen Realität neurophysiologische Korrelate haben, ohne daß man mit diesen die physikalische Realität hinwegerklären kann, genausowenig kann man die neurophysiologischen Korrelate der NDEs benutzen, um die NDEs sofort zu Halluzinationen zu deklarieren.

Da es weder im Gehirn noch in der atomphysikalischen Wirklichkeit Farben, Formen, Töne, Gerüche, Hartes oder Weiches, Denkvorgänge, Erinnerungen oder Gefühle geschweige denn religiöse Erfahrungen, sondern nur elektrische Entladungen und neurochemische Prozesse bzw. Wellen und Quantenteilchen gibt, müßte für einen glaubwürdigen neurophysiologischen Reduktionismus der NDEs auch ein Großteil der Lebenswelt irreal sein! Doch wie sehen nun die neurophysiologischen Korrelate der NDEs aus?

Cerebrale Aktivitätssteigerung. NDEs sind Ausdruck einer - wohl durch die Todesnähe ausgelösten - und z.B. an einer erhöhten P 300-Amplitude im EEG erkennbaren zerebralen Aktivitätssteigerung. Diese kann u.a. über .eine hypoxisch oder durch eine .'Alarmreaktion ausgelöste Stimulation der Formatio reticularis erklärt werden. Sie führt

zur dissoziierten Enthemmung und damit Aktivierung spezifischer corticaler und subcorticaler (besonders temporolimbischer), weniger Hypoxie- und Hyperkapnie-empfindlicher Hirnstrukturen und erklärt die Überwachheit, die extreme Beschleunigung der Gedanken und Bilder (z. B. des Lebensfilms) mit konsekutiver Veränderung der

Zeitwahrnehmung und schließlich auch die Hypermnesie.

NDEs als epileptoide Aktivität besonders im temporo-limbischen System. Der rechte Temporallappen spielt eine besondere Rolle beim NDE, da potente (NDE-Elemente induzierende) Halluzinogene wie LSD keine visuellen Phänomene mehr auslösen, wenn der Temporallappen chirurgisch entfernt wurde und auch die euphorische und psychedelische Wirkung von LSD vom rechten Temporallappen abhängt.

Tatsächlich lassen sich durch Reizungen der rechten corticalen Temporalregion im Bereich der Fissura Sylvii und im Bereich des Gyrus temporalis superior et medius OBEs induzieren. Bei Stimulation tiefer gelegener Areale des Temporallappens wurden wiederum Schwebegefühle, OBEs, mystische und religiöse Erlebnisse sowie Traumsequenzen ausgelöst. Eine elektrische Stimulation des Temporallappens führt außerdem manchmal zum plötzlichen Auftauchen längst vergessener Erinnerungen i.S, von Lebensfilm-Bruchstücken.

Weiterhin korrelieren dissoziative Erfahrungen - zu denen NDEs und OBEs zählen - mit einer gesteigerten bzw. auffälligen Aktivität des Temporallappens. Patienten mit PTLE-(Possible Temporal Lobe Epilepsy)Symptomen berichten dementsprechend vermehrt von subjektiven paranormalen (und kosmisch-mystischen) Erlebnissen sowie von OBEs.

NDEs als Wirkung körpereigener (endogener) Halluzinogene. Unter (psychedelischen) Hochdosen verschiedener Halluzinogene (I. Ordnung) wie LSD, Meskalin, Ketamin und ganz besonders Cannabis, die primär strukturierte optische Halluzinationen und keine Bewußtseinstrübungen oder Amnesien hervorrufen, treten bei bis zu 80% aller (religiös nicht vorerzogenen) Probanden NDE-Elemente auf.

Dabei kommt es auch unter diesen Halluzinogenen - wie bei den NDEs - immer wieder zum Grundtypus der Himmels- und Höllenerfahrungen (Ozeanische Selbstentgrenzung und Angstvolle Ichauflösung), was den dichotomen Charakter mystisch-religiöser Erfahrungen bestätigt.

Insgesamt sind Halluzinogen-induzierte religiöse Erfahrungen phänomenologisch nicht von spontanen bzw. echten religiösen Erfahrungen zu unterscheiden und wirken - wie NDEs - in alten Kulturen religionsgründend bzw. -fördernd.

Hypoxie, Hyperkapnie und Endorphine. Zwar gleicht das OBE-EEG dem typischen EEG in den ersten ca. 15 Sekunden einer Hypoxie; Hyperkapnie und Hypoxie sind jedoch (auch experimentell) nur mögliche, aber keine notwendigen Auslöser von NDEs/NDE-Elementen. Endorphine erzeugen wiederum keine Bilder (die Hauptkomponente der NDEs).

Erklärung der NDEs als Leistungen eines neuronalen Netzwerks. Die religiösen und damit transpersonalen Deutungen und Auswirkungen der NDEs/OBEs zugunsten einer nur innerhalb des Systems (des neuronalen

Netzwerkes Gehirn) argumentierenden Erklärungsweise zu ignorieren bzw. für falsch zu erklären, ist eine weltanschauliche Verkürzung der Computeranalogien des Gehirns; es handelt sich dabei um den Versuch, einen Computer, seine Programme und Fähigkeiten aus sich heraus, also ohne Bezug zu seinem Benutzer (dem Menchen) und zu seinem Schöpfer und Programmierer zu verstehen. Tatsächlich weisen gerade OBEs und NDEs über das reine Computersystem hinaus auf die Unabhängigkeit des Benutzers (Seele) vom Computer (Gehirn) und auf die Existenz eines Programmierers bzw. Schöpfers dieses Computers.

Synopsis

NDEs können nie allein aus einer - z.B. der neurobiologischen, psychoanalytischen oder psychiatrischen - Perspektive heraus adäquat beurteilt werden; alle Perspektiven müssen vielmehr in einer Art Synopsis zusammengesehen werden, um das so komplexe, letztlich religiöse Phänomen des NDE richtig zu beurteilen.

Danach gibt es ein kontinuierlich ineinander übergehendes Spektrum von Träumen zum Thema Tod, indirekt angedeuteten NDE/OBE-Elementen im Traum, (luzid) geträumten OBEs/NDEs, typischen, völlig real erscheinenden bis zu verifizierbaren, nur durch außersinnliche Wahrnehmung erklärbaren OBEs/NDEs.

Tatsächlich handelt es sich bei den NDEs und OBEs zuallererst um eine bloße Wanderung durch mentale Selbst- und Weltmodelle. Je größer jedoch die Todesnähe, desto mehr kommt es dabei zu außersinnlicher Wahrnehmung, so daß durchaus auch wirkliche Außerkörperlichkeits-Erlebnisse denkbar sind, die von den imaginierten oder halluzinierten OBEs schon vorbereitet werden. Demnach würde es sich bei den NDEs also um eine Art Vorspiel oder Simulation eines wirklichen Lebens nach dem Tod handeln, das in den NDEs aber schon - in Form von in Traumbildern angedeuteten bzw, versteckten, aber auch in außersinnlich wahrgenommenen Informationen -hindurchschimmert. Das wäre u.a. auch damit zu vereinbaren, daß Träume (bzw, Visionen) die häufigste Quelle außersinnlicher Wahrnehmung sind.

So wie Luzidträume bzw. OBEs also die physikalische Wirklichkeit symobolisiert darstellen bzw. nahezu perfekt imitieren, so könnten auch NDEs eine jenseitige Wirklichkeit in symbolischer Repräsentation widerspiegeln und z.T. auch imitieren! So wie unsere alltägliche Wahrnehmung nur eine illusionäre Verkennung und somit eine repräsentionale Interpretation der physikalischen Realität darstellt, so könnte auch das NDE eine illusionäre Verkennung einer ebenfalls nur verfremdet, d.h in Gehirn-eigenen, im NDE noch traumhaft gestalteten Bildern wahrgenommenen jenseitigen Wirklichkeit sein!

Im NDE würde sich somit ein objektives Jenseits - und damit eine Aufhebung der Grenzen von Geist und Materie - zumindest andeuten, auch wenn dieses Jenseits noch in subjektiven und darum sowohl individuell variierenden als auch noch kontrollierbaren Bildern erfaßt wird. Der bloße Traumcharakter und die auf dem Kontinuum etwas später folgende Traum-Luzidität sind dabei nur vorübergehende Eigenschaften; sie ermöglichen nur dem nicht sterbenden Träumenden noch eine -auch neuronale bzw. cortikale - Distanzierungsmöglichkeit von diesen Bildern. Insofern ist es falsch, den archetypischen Welten einen eigenen Daseinswert abzusprechen, bloß weil sie sich beim Erreichen des Alltagsbewußtseins wieder auflösen und somit als Fiktionen wirken, ja wie die Luzidträume z.T. auch kontrollierbar sind. Archetypische Bilder scheinen vielmehr als Zeit und Raum überschreitende, unzerstörbare Elementarteilchen des Geistes die treibenden, zugrundeliegenden Kräfte der eigenen (positiven und negativen) Anteile zu sein, die das multimind-System des Gehirns und damit den Menschen konstituieren.

Bei zunehmender Todesnähe würde der Mensch also, reduziert auf sein wahres - ebenfalls archetypisches - kleines (Kontroll- oder Steuer-)Ich, auf das energetische Niveau einer singulären archetypischen Kraft fallen. Als solche ist er dann, ohne sein mächtiges Steuerorgan Gehirn, nicht mehr Herr der anderen archetypischen Kräfte, sondern ihnen - soweit er in seinem irdischen Leben nicht gelernt hat, sie zu nutzen bzw. zu kontrollieren, wodurch sie im Sterben auch nicht mehr dominieren können - , ausgeliefert.

Dieses Erleben aber wäre dann nichts anderes als die nachtodliche Weiterexistenz in verschiedensten Bereichenarchetypischer, also Zeit- und Raum überschreitender und damit unsterblicher Kräfte und somit die Weiterexistenz in Hölle, Himmel oder entsprechenden Zwischenbereichen, entsprechend dem Grad der Reife, die der jeweilige Mensch erreicht hat!

Ein Kommentar des Parapsychologen Prof. Bender illustriert noch einmal den deutlichen Hinweischarakter der NDEs auf ein Leben nach dem Tod:

.. der Abgrund zwischen Naturwissenschaft und Religion, wie er lange Zeit zu bestehen schien, wird durch die Erkenntnisse ... über die Raum und Zeit transzendierenden Fähigkeiten der Psyche und der sich in den spontanen Phänomenen ... immer wieder abzeichnenden Sinnhaftigkeit des Geschehens überbrückt. Die Zeiten eines mechanistischen Weltverständnisses - oder besser –Unverständnisses sind vorbei ...

... Doch kann man sagen, daß die auf der Basis der parapsychologischen Erfahrung denkbaren Formen eines ... außerirdischen Lebens auch eine religiöse Zuständigkeit .. unschwerer vorstellen lassen, als es ohne sie möglich ist (Bender 19845, 90-91).

Paranormale Leistungen von Lebenden wie Sterbenden und ihr vermehrtes Auftreten im Rahmen von religiösen Erlebnissen (im Sterben) bzw. bei religiösen Menschen (z.B. bei Jesus) verweisen also auf einen Zeit- und Raum-unabhängigen und somit unsterblichen Anteil der menschlichen Psyche, der generell als unsterbliche Seele bezeichnet wird und nach dem Tod weiterlebt. Religiöses Erleben beruht also auf einer biologisch angelegten Matrix, die durch keine Theorie hinwegerklärt werden kann und elementarer Bestandteil der menschlichen Psyche ist. Marx und Freud haben sich also geirrt, der areligiöse Mensch irrt immer: Homo religiosus sapiens est!

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