In:

Frank Vogelsang (Hrsg.): An der Grenze unseres Lebens. Erfahrungen in der Nähe des Todes nd ihre theologische Deutung. Evangelische Akademie im Rheinland, Bonn 2007, S.77-105:

 

 

Nah-Todeserfahrungen aus der Sicht Jesu und seiner Nachfolger

 

 

Jesus ist das einzige Foto, das wir von Gott haben (1,61)

 

1. Erkenntnistheoretischer Umgang mit den neutestamentlichen Texten

 

Wenn ich im folgenden die modernen Nah-Toderfahrungen (near-death experiences, NDEs) mit neutestamentlichen Schilderungen ähnlicher Erlebnisse vergleiche, dann tue ich das unter folgenden Prämissen:

 

·         Nah-Toderfahrungen wurden seit Menschheitsbeginn von allen Menschen gemacht und in den verschiedensten Religionen beschrieben, bewertet und in die jeweilige Religion inkorporiert; dabei haben sie in den jeweiligen Religionen eine sehr wichtige, zumeist religionsverstärkende Funktion (3; 4; 5; 6; 7; 8; 9; 10; 11; 12; 27; 28; 29; 31; 32; 33; 36; 39). Nah-Todeserfahrungen werden aber nicht zu einer eigenen Religion und können keine Hochreligion ersetzen. Ein Nah-Toderlebender wird dementsprechend durch seine Erfahrung zwar religiöser, dabei aber oft erst zu einem eine religiöse Orientierung Suchenden, dessen weitere ethische Entwicklung und Reife von der Gesundheit der Religion abhängt, der er sich (mit seiner Nah-Toderfahrung) anvertraut (3).

·         Das Neue Testament schildert die Entstehung des Christentums als Folge von außergewöhnlichen, mystisch-paranormalen Erscheinungen, die sich auf und um die Person Jesu zentrieren. Nur solche ungewöhnlichen Erfahrungen konnten mitten in einer strenggläubigen und (noch heute) konversionsfeindlichen jüdischen Religion unter römischer Fremdherrschaft zur Gründung des Christentums führen. Tatsächlich entsprechen  die neutestamentlichen außergewöhnlichen/ außersinnlichen (mystischen)  Erfahrungen in Form von Engel- und Verstorbenen-Erscheinungen phänomenologisch und in ihren Auswirkungen dem aus der Parapsychologie bekannten Spuk (Verstorbener) (15; 16; 17; 18; 19; 20; 21; 22; 23; 24; 25; 26; 30) und den Nah-Todeserfahrungen. Dies spricht dafür, dass es sich bei den neutestamentlichen Erscheinungen um reale bzw. primäre und nicht - oder nur sekundär - um durch Theologen und Theoretiker zu erklärende (oder gar wegzuerklärende) Erfahrungen handelt.

·         In ihrer Verifikationsstärke übertreffen die neutestamentlichen Erscheinungen jedoch die NDEs und die bekannten Spuk-Berichte, da sie zumeist von mehreren Menschen gleichzeitig erlebt werden und zumeist mit sich erfüllenden außersinnlichen Wahrnehmungsleistungen (ASW) einhergehen. Damit sind die neutestamentlichen Erscheinungen also realer als alle NDEs, deren wichtigsten Grundelemente sie jedoch teilen.

·         Gerade (und nur) diese Häufung mystisch-religiöser Erfahrungen um das und im Leben Jesu und die empirische Verifikation der in ihnen oft außersinnlich erhaltenen Botschaften führte zur Gründung des Christentums in einer konservativ-strengen und konversionsfeindlichen jüdischen Glaubenswelt.

 

Für diesen erkenntnistheoretischen Umgang mit den neutestamentlichen religiösen Erfahrungen spricht (endlich) auch die moderne Theologie: Diese hat gezeigt, dass die Tradierung der Lehre und Wunder Jesu von nicht durch von medialen Wissensunmengen überfluteten Juden erfolgte, die wie wir heute bei der Wiedergabe von Geschehnissen schnell Fehler machten. Vielmehr waren es Juden(christen), die einer Kultur der wortgenauen Repetition auswendiggelernter und damit genau tradierter Zitate (aus der Thora) aufwuchsen und diese genaue Tradierung auch bezüglich des Lebens und der Lehre Jesu vollzogen (2,62.193-199.359-361.440-453). So war schon

 

aufgrund der unvokalisierten hebräischen Schrift ... Auswen­diglernen für jüdische Elementarschüler in Synagogengemeinden, wo die heiligen Schriften im Urtext vorgelesen wurden, eine besonders unabweisbare Notwendigkeit. Die heiligen Texte im Synagogengottesdienst korrekt und ohne Stocken lesen zu kön­nen, bedeutete für sie nichts anderes, als erhebliche Teile des Alten Testaments auswendig zu lernen ...

Schon Josephus rühmte das auswendige Wissen seiner jüdischen Landsleute und die rabbinische Überlieferung weiß mancherlei Erstaunliches über die Bibelkenntnis schon bei Schulkindern zu erzählen. So soll R. Ze iri in der Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. in einer babylonischen Gemeinde den gestörten Text einer Schriftrolle nach den Angaben von Schulkindern wiederhergestellt haben (Men 29b). Dabei wird aus­drücklich betont, daß es sich noch nicht einmal um besonders begabte Kinder gehandelt hätte. Wenn hier im Einzelnen auch

die Übertreibung mitspielt, so kamen doch auch Nichtjuden nicht umhin, hohe Gedächtnisleistungen anzuerkennen. Hieronymus ge­riet in Staunen darüber, daß Juden seiner Zeit die Namenslisten der Chronikbücher in der richtigen Reihenfolge vorwärts und rückwärts aufsagen konnten, ja, einige sogar Torah und Propheten auswendig beherrschten (Comm in Is 58,2). Ähnliches berichtet auch Eusebius. Ein Mindestmaß war die Beherr­schung des Dekalogs (2,194-195).

 

Für diese erstaunlichen Leistungen wurden eine Vielzahl von Mnemotechniken und Erziehungsmaßnahmen eingesetzt und Schulen eingerichtet (2,195-199).

Tatsächlich kann man

 

es wenden, wie man will: Auswendiglernen ist die einzige 'Methode', mündliche Überlieferungen einigermaßen zuverlässig zu bewahren. In ihrem Namen ... lag für die Jünger bereits der Aufruf zum Lernen. Die Jünger waren ständige Hörer der sich wiederholenden Lehrsummarien, die Jesus gab, und vernahmen immer wieder die Aufrufe an den weiteren Hörerkreis: seine Worte zu bewahren. Sie wußten auch in beson­derer Weise um die Tragweite dieser Worte. Von Elternhaus, Synagoge und Elementarschule her waren sie das Auswendiglerner gewohnt (2,440; s.a. 2,444-449).

 

Dazu benutzten die Jünger auch spezifische Memotechniken wie Wiederholen, Kantillieren, Stichwortverbindung oder Einleitungsformeln, die sogar experimentell verifiziert wurden (2,447-450):

 

Psycholinguistische Experimente haben gezeigt, daß die Behältlichkeit eines Stückes erheblich verbessert wird, wenn ihm ein relevanter Titel vorangestellt ist. Die Einleitungsformeln der Gleichnisse Jesu vermochten diese  Funktion zu erfüllen. In der urkirchlichen Katechese ist der Prozeß der Formulierung von Überschriften noch weitergegangen. So finden sich bei Matthäus auch schon zwei substantivische Gleichnistitel(2,448-449).

 

Jesus selbst forderte immer wieder zum Halten und Bewahren seiner Worte auf (2,443-448). Auch merkt man den vom Aramäischen ins Griechische übersetzten Aussagen Jesu

 

die Eigentümlichkeiten des semitischen Sprachgewandes an: die prägnante Knappheit der Rede und ihre untheoretische, praktische Aus­drucksweise. Oft weitet diese Bildhaftigkeit sich aus zu ausgesprochenen Gleichnissen, die ihre Bildwelt dem Alltag entnehmen ... Die plastische Art dieser Redeweise prägt sich unmittelbar ein." Man muß aber noch weitergehen: Viele Worte Jesu sind nicht nur in einer allgemeinen Weise einprägsam, sondern zeichnen sich durch eine poetische Formung aus, die nicht Zufall sein kann. Daraus muß man schließen, daß es sich um "Ge­brauchsformen" handelt, die von Jesus mit der ganz bewußten Absicht des Memorierens geprägt wurden (2,359-361).

 

Eine Parallele zu dem wortgenauen Tradieren der Worte Jesu finden wir in der ebenso exakten Tradierung der Worte des als göttlich verehrten Epikur, der wie Jesus seine Schüler zum Auswendiglernen seiner Worte aufforderte (2,441-442).

Die Lebensgefährten Jesu erfüllten somit alle psychologischen und soziologischen Bedingungen (des Geschützt-Seins von den medialen Überflutungen unserer Zeit), um die Worte Jesu exakt zu behalten und zu tradieren:

 

Ein moderner Erforscher mündli­cher Überlieferung wie J. Vansina hat eine Erkenntnis be­stätigt, die man bereits bei Quintilian (Inst Orat XI 2,40) nachlesen kann: Das menschliche Gedächtnis ist zu außerge­wöhnlichen Tradierungsleistungen fähig, wenn 1) das Interesse an einer sorgfältigen Überlieferung besteht und 2) das Memo­rieren eine ganz bewußt gepflegte Kunst darstellt (2,450).

 

Die Glaubwürdigkeit der Texte und damit auch der so gerne hinwegerklärten mystisch-paranormalen Erlebnisse im Neuen Testament – und damit der langjährige theologische Irrtum der Entmythologisierung – zeigen auch die Ergebnisse ähnlicher Tradierungsprozesse in anderen Kulturen:

 

1973 bekamen in Argentinien Missionare Verbindung zu Guarani-Indianern, die bisher noch keinerlei Kontakt mit der Außenwelt hatten. Dabei stellte sich heraus, "daß sie eine mündliche Überlieferung des Evangeliums als 'religiöses Eigentum' besitzen, die mit Sicherheit auf die Zeit des Je­suitenstaates in Misiones im 18. Jahrhundert zurückgeht". Heutige iri­sche Barden verfügen ohne weiteres über ein Traditionsvolumen von über 100 000 Wörtern. Dagegen beträgt der Umfang unseres Markus-Evangeliums 'nur' etwa 11 000 Wörter.

In Xenophons 'Symposion' erzählt ein uns sonst unbekannter Nikoratos, daß ihn sein Vater dazu anhielt, den ganzen Homer auswendig zu lernen. Im 6. nachchristlichen Jahrhundert hat man diese Gedächtnisleistung fast erreicht, indem die gesamte Ilias auswendig gelernt wurde. Beson­dere Memorierfähigkeiten scheint Seneca Maior (ca. 55 v.-39 nChr.) beses­sen zu haben. Er ließ sich von seinen Mitschülern je einen Vers vorsagen und vermochte dann, die über 200 Verse in umgekehrter Reihenfolge zu wie­derholen. Dabei dürfte ihm allerdings zugute gekommen sein, daß es sich meist um geläufige, in der Schule bereits auswendig gelernte Worte handelte (2,451).

 

Damit waren die jüdischen Tradierungsleistungen vergleichbar:

 

Von einer außergewöhnlichen Gedächtnisleistung im Palästina der neu­testamentlichen Zeit berichtet Josephus: Kurz vor der Tempelzerstörung verlangten die Tempelsänger, die Psalmen nicht mehr nach einer schriftli­chen Vorlage singen zu müssen, sondern auswendig rezitieren zu dürfen. Dieser Wunsch verrät eine starke Schätzung mündlich be­herrschter Texte.

Neben der Gedächtniskapazität von Schulkindern weiß die rab­binische Überlieferung auch viel Rühmliches über entsprechende Leistungen von Gelehrten zu berichten. R. Me'ir soll, als in einem Ort der Pro­vinz Asia eine Ester-Rolle fehlte, diese aus dem Gedächtnis niedergeschrie­ben haben. Damit ist gleichzeitig vorausgesetzt, daß er den gesamten Pentateuch und auch die Propheten im Gedächtnis hat­te. Von Juden seiner Zeit, die solche Fähigkeiten besaßen, berichtet Eusebius. R. Zera soll sogar den ganzen babylonischen Talmud auswendig beherrscht haben. Die überragende Bibelkenntnis der Rabbinen zeigt sich auch daran, daß alttestamentliche Zitate im Talmud meist nicht als solche gekennzeichnet sind, was voraussetzt, daß sie iden­tifiziert werden konnten. Die Varianten in den Ben-Sira-Zitaten amoräi­scher Rabbinen legen nahe, daß dieses Buch nach der Bannung seiner Verle­sung durch Akiba in der Hauptsache mündlich weitergegeben wurde.

Zu besonderen Tradierungsleistungen brachte es innerhalb des Rabbi­nats die Gruppe ... berufsmäßigen Tradenten. R. Nach­man b. Jicchag konnte einen von ihnen, der Mischna, Sifra und Sifre aus­wendig beherrschte, einen "Korb voller Bücher" nennen ...

Aus Ostraka läßt sich entnehmen, daß es in der koptischen Kirche zu den Bedingungen für die Zulassung zur Diakonenweihe gehörte, mindestens ein Evangelium auswendig zu können. Von daher werden Berichte über die außergewöhnlichen Gedächtnisleistungen von Mönchen glaubhaft. So wird etwa von einem in der Historia Lausiaca 26 berichtet, daß er nicht nur das Lukas-Evangelium, sondern auch die Sprüche Salomos, die Propheten Jesaja und Jeremia, den Hebräerbrief und eine Reihe von Psalmen aufsagen konnte. Bei den Kirchenvätern "ist sehr oft schwierig zu entscheiden, ob ein alt­christlicher Schriftsteller das ihm selbstverständlich gedächtnismäßig vollständig präsente Neue Testament einfach aus der Erinnerung zitiert oder ob er die von ihm regelmäßig benutzte Handschrift dazu aufgeschla­gen hat" (2,451-452).

 

Riesner kommt somit zu Recht zu dem Schluß, dass das o.g.

 

Belegmaterial ... eine ... Gleichsetzung von mündlicher Überlieferung und Legende unmögliche mache, wie sie Bultmann vornahm (2,453).

 

Diesen Schluß vertritt der Heidelberger Theologe Berger mit einer modernen (Mystik-)erfahrungsorientierten Theologie, die die Reduktion des Neuen Testaments auf den theoretischen Wissensstand und das reduktionistische (Bultmannsche) Weltbild der Theologen hinter sich lässt, in psychologisch sinnvoller größter Deutlichkeit:

 

Bestimmte Forscher ... erklärten Texte, die aufgeklärte Zeitgenossen peinlich berühren könnten, kurzerhand zu Legenden und machten die nachösterliche Gemeinde dafür verantwortlich, dass aus Jesus eine Art Gott wurde. Das machte Jesus kleiner ‑ ein gewöhnlicher Mensch, der weniger gesagt und weniger getan hat, als das Neue Testament berichtet. Die Berichte über Jesus wurden ihrer Pointe beraubt, wurden witz‑ und salzlos. Und die Person Jesus selbst schrumpfte in sich zusammen. Es lief immer nach dem Schema: »Er ist im Grunde genommen ..., er ist nichts anderes als ein ...«, wobei man die Auslassung variabel ergänzen konnte (1,13-14).

 

Warum sollten wir nicht annehmen, dass die Texte des frühen Christentums in Fühlweite waren, dass sie Jesus authentischer verstanden als ein hegelianisch geschulter Professor des 19. Jahrhunderts? (1,15)

 

Von allen Emblemen, die durch die Wissenschaftsgeschichte der Schriftauslegung getragen werden, wurden mir mit den Jahren die Termini »Osterglaube« und »nachösterlich« immer fraglicher. Man findet sie tausendfach in Artikeln, Büchern, Reden, Predigten. Gemeint ist damit, dass ein wesentlicher Teil der neutestamentlichen Berichte über Jesus als pure Erfindung der Gemeinde nach Ostern zu gelten habe. Jesus könne dieses oder jenes, was wir von den Evangelisten überliefert bekommen haben, gar nicht gesagt, getan, gedacht, gewusst haben. Dieses Wort da sei »mit Sicherheit« eine »nachösterliche Eintragung«, eine Korrektur »im Licht des Osterglaubens«. Bei so viel Sicherheit steigt die Gewissheit meiner Skepsis. Ebenso fraglich wurden mir alle Kriterien, die es angeblich möglich machen, echte von unechten Jesusworten zu scheiden. Und was ist dann mit den »echten«? Gibt es dann Jesusworte erster und zweiter Klasse? Und wer hat darüber zu befinden? Und was ist mit den Worten Jesu, die durch den Rost des common Sense der Forschergemeinde fallen (wobei es genau in der Frage der ipsissima verba Jesu einen common Sense nicht gibt)?. Am besten aus der Bibel tilgen? Immer mehr wurde die etablierte Forschung als ein kompaktes System ... Gegenstand kritischer Anfrage 1,22).

 

»Wenn dieses oder jenes Jesuswort echt wäre, was könnte uns das dann unter Umständen sagen?« ‑ Fragen dieser Klasse interessieren ... nicht mehr. Das war die Moderne (1,14)

 

Es sei falsch – und vorbei - , so Berger,

 

dass man die Gestalt Jesu ein ums andere Mal vor das Gericht der kritischen Vernunft zitiert, um die historischen Alibis des Angeklagten zu bewerten. Jesus versteht man eben nicht nur mit dem Kopf. Wer etwas von ihm wissen will, muss sich auf die kongeniale Erkenntnisweise der Mystik einlassen (1,16).

 

Unter Theologen gibt es nicht nur »good guys« und »bad guys« es gibt auch »good words« und »bad words«, ungeliebte Texte in der Heiligen Schrift, denen man als Exeget besser aus dem Weg geht. Gerade diese Texte wurden für mich zu einem wichtigen Abschnitt meiner Begegnung mit Jesus Christus. Ungeliebt sind alle Texte, in denen beispielsweise Engel vorkommen (von Mariä Verkündigung bis zum leeren Grab und zur Himmelfahrt), die »steilen«, nicht naturalistisch erklärbaren Wunder, jedes Einwirken Gottes in der Welt, Auferstehung und Wiederkunft Jesu Christi, alle »kirchengründenden« Texte der Evangelien usw. Unter mystischen Fakten verstehe ich eine Anzahl von Geschehnissen der geschilderten Art. Sie sind mystisch, weil sie ihrer Ursache und dem Zustandekommen nach auch für frühe Christen verborgen waren und in dieser Hinsicht in den Bereich der unsichtbaren Wirklichkeit Gottes (oder auch des Teufels) gehörten. Mystisch ist das Verborgene, Unsichtbare, für den Verstand nicht Evidente (1,23).

 

Für alle Engel- und Verstorbenenerscheinungen des Neuen Testaments gelten somit unter diesem  erkenntnistheoretischen Ansatz:

 

Eine Theologie, die das Wunderbare von vornherein ausschließt, weil sie Gott gebietet, ausschließlich im Rahmen der kantianischen Vernunftkritik zu operieren, wird sich hier verabschieden (1,56).

 

Das Erkenntnisprinzip der postmodernen Theologie heißt somit nach Berger:

 

Nicht wir kritisieren den Text und rücken ihn für unsere Bedürfnisse zurecht, der Text kritisiert uns (1,14)

 

Somit müssen die neutestamentlichen Erscheinungs-Berichte aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit den aus der Parapsychologie bekannten Spuk-Erscheinungen  und den NDEs - als den weltweit häufigsten religiösen Erfahrungen, die zu allen Zeiten und Kulturen aus den gleichen Grundelementen bestehen - , als Darstellungen realer Erfahrungen gelesen werden:

 

Wir setzen voraus: Es gibt mehrere Bereiche der Wirklichkeit und entsprechend mehrere Arten von Fakten. Die Kriterien für das, was »wahr« oder »Faktum« ist, sind je unterschiedlich. Ich vertrete die These: Was hier mystische Fakten genannt wird, sind wirkliche Ereignisse, und ihnen entsprechen bestimmte Erfahrungen. Diese Fakten sind nicht privat, subjektiv, irrational, eingebildet oder halluzinativ (krankhaft). Ihre Voraussetzungen sind bis zu einem gewissen Grad machbar, sie selbst jedoch werden dem Menschen geschenkt (1,24).

 

Dementsprechend gilt für die im folgenden untersuchten neutestamentlichen Texte Bergers statement voll und ganz:

 

Die mystischen Berichte (Visionen, Engelerscheinungen, Ostervisionen etc.) der Evangelien sind auf eine besondere Weise historisch wahr, d.h. sie stehen an der Grenze historischer Faktizität. Eine Untersuchung der Welt‑ und Erlebnisstruktur dieser Berichte lässt ausschließen, dass es sich um nur private, subjektive oder krankhafte Erfahrungen handelt. Vielmehr haben wir es wohl mit einem eigenständigen Bereich der Wirklichkeit zu tun, der auch konkrete Auswirkungen in Raum und Zeit haben kann (1,52).

 

 

2. Neutestamentliche mystisch-außersinnliche Erfahrungen als Parallele zu paranormalen Phänomenen und Nah-Todeserfahrungen

 

Damit sind wir auch schon bei den Engelerscheinungen, die zu Beginn des Neuen Testaments (NT) in Lukas 2,8-20 den Hirten und in Lk 1,26-38 Maria die Geburt Jesu (ähnlich wie zuvor dem diesbezüglich ungläubigen Zacharias die Geburt Johannes des Täufers, s. Lk 1,5-15) ankündigten. Joseph erscheinen Engel – ähnlich wie die Lichtwesen im NDE – mehrfach im Traum (Mt 1,20; 2,13.19), der als typischer veränderter Wachbewusstseinszustand auch heutzutage außersinnliche Wahrnehmungen (23) und NDE-Elemente (31) enthalten kann – was für die Glaubwürdigkeit dieser Engel-Erscheinungen im NT spricht.

Im Gegensatz zu den NDEs erscheinen die – wie im NDE leuchtend hellen - Engel im Neuen Testament jedoch häufig mehreren Menschen (wie zum Beispiel von den Hirten auf dem Feld) gleichzeitig und verkünden Inhalte (wie die Geburt Jesu und Johannes des Täufers), von denen die Erlebenden nichts wissen konnten; sie implizieren also außersinnliche Wahrnehmungen (ASW) (Lk 2,8-20).

Interessanterweise werden auch Jesu konkrete Aussagen zu den Engeln – und zum Leben nach dem Tod - durch die Nah-Toderfahrungen bestätigt:

 

Denn in der Auferstehung werden sie weder heiraten noch sich heiraten lassen, sondern sie sind wie Engel im Himmel (Mt 24,30)

 

Genau das haben die NDEs gezeigt: In ihnen spielt Sexualität keine Rolle, die Menschen sind personal erkennbare Geist- bzw. Lichtwesen aus Energie ähnlich den Engeln im Neuen Testament, die deutliche Ähnlichkeit mit den religiösen Lichtwesen in den NDEs aufweisen (31).

Auch das biblische Gleichnis vom armen Larzarus und vom reichen Mann läßt Ähnlichkeiten mit Sterbeerfahrungen bzw. Schlüsse auf das Leben nach dem Tod zu. So haben die beiden Hauptpersonen dieser Beschreibung einen Zweitkörper, mit dem sie als das jeweilige Individuum zu identifizieren sind. In patristischen Kommentaren wurde dann auch daraus abgeleitet, daß die Seele dem Körper ähnelt (37). Die Art des Lebens nach dem Tod wiederum ist abhängig von der Aussaat im diesseitigen Leben; diese wird nach Altem und Neuem Testament – ähnlich dem NDE-Lebensfilm -  in einem Lebensbuch aufgezeichnet (Exodus 32,32-33, Deut. 7,10, Lukas 10,20, Phil.4,3 und in der Johannes-Offenbarung 20,12.15; s. a. 37):

 

Die Bewertung der Taten im Lebensfilm erinnert an die neutestamentliche Überzeugung, dass der Mensch für sein Tun und Lassen zur Rechenschaft gezogen wird, z. B. Gal 6,7: „Was der Mensch sät, das wird er ernten" (vgl. auch das Gleichnis vom großen Endgericht in Mt 25,31‑45). Kriterium für die Bewertung des Lebens ist die Liebe, die dem Nächsten Gutes tut. In der Hochschätzung der Liebe kommen die Aussagen der Experiencer dem NT besonders nahe ...

... der Lebensfilm macht klar: Was der Mensch in seinem Leben je gedacht und getan hat, ist nicht vergessen und ausgelöscht, sondern kann ihm wieder vor Augen geführt werden. Damit wird das Urteil Gottes aber nicht vorweggenommen. Er hat das letzte Wort und ist der Richter", aber noch mehr wie ein barmherziger Vater. Moody selbst findet in dem Lebensfilm und der damit verbundenen Bewertung nichts Endgültiges entschieden, sondern schreibt: „Ein jüngstes Gericht kann es sehr wohl geben. Todesnähe‑Erlebnisse besagen jedenfalls nichts Gegenteiliges." (39)

 

Da auch von Menschen induzierte Psychokinese, also die Bewegung von Materie, durch parapsychologische Untersuchungen nachgewiesen ist (17), sollte eine solche Leistung in größerem Umfang auch Gott und seinen Engeln möglich sein – was wiederum die Jungfrauengeburt Jesu erklären kann:

 

Mystische Theologie, die mit dem Wunder rechnet und mit der Möglichkeit realer Einbrüche des Göttlich‑Anderen in die Normalität der Welt, wird sich offen verhalten gegenüber dem, was wohl von Maria selbst als Wirklichkeitserfahrung beschrieben, von den Jüngern geglaubt und in seinen theologischen Folgen bedacht wurde ... Hier bedeutet die Entstehung Jesu durch den Heiligen Geist: Der große, unfassbare Gott kommt den Menschen, diesem Mädchen aus Palästina, so nahe, dass diese Nähe die physische Entstehung eines lebendigen Menschen bedeutet ... Das zugrunde liegende historische Ereignis muss man wohl ein ein mystisch‑ekstatisches Widerfahrnis nennen. Das heißt zumindest: Maria hat eine Vision des Engels Gottes, deren Macht so groß ist, dass sie daraufhin schwanger ist (1,55).

 

Dass es für Jungfrauen-Geburt Jesu keine immens großen psychokinetischen Effekte bedarf, zeigt die moderne Gynäkologie:  10%-20% aller gutartigen Ovarialtumore enthalten Anteile eines Kindes wie Haare, Zähne und Knochen, die ohne Befruchtung allein entstanden sind (34). Auch konnte man experimentell bei Kaninchen allein schon durch elektrische Feldveränderungen Eizellen zur Teilung bringen – und nach Implantation entwickelten sich daraus in 60% normale Feten (35).

Vor Beginn seiner Lehrtätigkeit erlebte Jesus in der Wüste eine mentale Versuchung durch den Teufel (Mt 4,1-11); dieses Erlebnis gleicht den negativ-positiven bzw. höllischen Nah-Toderfahrungen, die inzwischen auch untersucht wurden (13; 14; 15). Da dieses Erlebnis außerdem durch die klassische Induktionsmethode eines veränderten Wachbewusstseinszustandes über eine sensorischen Deprivation mit 40-tägigem Fasten ausgelöst wird, ist es in jeder Beziehung glaubwürdig.

Deutlich werden hier typische Kennzeichen der negativen Nah-Todeserfahrungen (besonders des Mittelalters): Im Sinne eines Ordals kommt es zur Testung der moralisch-ethischen Qualitäten durch dämonische Wesen – und über eine Abwehr dieser Versuchungen durch Rekurierung auf positive religiöse Inhalte verwandelt sich das negative in ein positives NDE (13; 14; 15; 27; 28).

Tatsächlich ist die Existenz von Hölle und Dämonen für das NT unbezweifelbar. So spricht z.B. die Offenbarung Johannes explizit von der Hölle (Offb 19,20; 20,10).  Berger schreibt zur Frage der Existenz von Hölle und Dämonen:

 

Die Entpersonalisierung des so genannten Bösen (das Böse als eine Qualität an etwas zu betrachten, es nicht als Person zu denken), wie es Herbert Haag und eine Reihe anderer Theologen vorschlagen, wird der Erfahrung nicht gerecht, dass dem Bösen eine besondere In­telligenz zu Eigen ist, die Infamie und Tücke bedeutet. Das Böse ist mehr als die Folge des Missbrauchs menschlicher Freiheit. Daher hat der Böse personhafte Strukturen, ähnlich wie der Schöpfergott selbst auch; nur sind sie schwächer ausgebildet, da der Böse nicht Schöpfer, nur Zerstörer ist. Es greift einfach zu kurz, wenn wir beim Bösen nur an Verstöße gegen abstrakte Regelhaftigkeit denken. Das Böse ist nicht nur Übertretung von Geboten und Regeln, sondern es ist in der Erfahrung von Menschen packende Gewalt von außen, ist tückische, hinterhältige, raffinierte, suchtgefährdende Macht. Wenn man das bedenkt, kann man eher von personhaften Zügen sprechen. Dabei geht es hier — ich möchte es noch einmal betonen — nicht um den modernen Personbegriff, sondern um den antiken, der vor den Kon­zilien des 4. und 5. Jahrhunderts galt. Die Pluripersonalität der Dä­monen (dass sie »viele« sind) – auch das sei erwähnt – ist meines Erachtens nicht im Sinne eines verkappt polytheistischen »naiven« Volksglaubens zu werten, sondern – ähnlich wie bei den Engeln – als differenzierte Erfahrung von Macht und Mächten (1, 250).

 

Doch kommen wir nun zu den viel häufigeren neutestamentlichen Schilderungen von Erfahrungen, die den positiven Nah-Toderlebnissen mehr noch als die Engelerscheinungen ähneln, so dass sie allein dadurch schon glaubwürdig sind. Dazu zählt zum Beispiel die Erfahrung auf dem „Berg der Verklärung“ (Mt 17,1-9)

In diesem  Erleben kommt es – nach einem mit dem Ziel eines besonderen Gebets erfolgten Besteigen eines hohen Berges (s. Lk 9,28-29), das somit ein religiöses setting darstellt - in somit relativer sensorischer Deprivation (als einer Form der Induktion veränderter Wachbewusstseinszustände) zur Verwandlung des betenden Jesus in ein Lichtwesen mit leuchtendem Gesicht und einem Lichtkörper. Möglicherweise aus dieser Erfahrung abgeleitet wird später die Ähnlichkeit zwischen dem verklärten Leib Jesu und dem nachtodlichen Körper des Menschen noch einmal betont (Phil 3,20-21; 1 Kor 15,35-49).

Solch einen Lichtkörper kennen wir auch von den NDEs. Wie in den NDEs wird auch auf dem Berg der Verklärung das Licht als heller als jedes bekannte Licht beschrieben (Mk 9,3). Dann erscheinen – wie auch häufig in den NDEs – (zwei) Verstorbene. Diese reden mit Jesus präkognitiv über seinen bevorstehenden qualvollen Tod, was das zur NDE-Auslösung passende religiöse setting vervollständigt (Lk 9,30-31).

Dass die beteiligten Menschen sich bei diesem Erleben in einem (hypnagog) veränderten Wachbewusstsein befanden, zeigt sich in der Paralle in Lukas mit dem Hinweis auf den Schlafzustand und auf das Nicht-Wissen von dem, was Petrus dabei sprach (Lk 9,32-33).

Petrus erlebt diese Lichtwelt und Lichtwesen – wie die NDEr die lichtvollen positiven NDEs – dabei als so herrlich, dass er wie viele NDEr nicht mehr in die Alltagsrealität zurück, sondern dort bleiben will. Dann kommt es zu einer weiteren Lichtwesen-Erscheinung in Form einer Lichtwolke, aus der eine religiöse Kraft/Macht (Gott) spricht; die Jünger erschrecken dabei (was bei vielen paranormalen Erscheinungen der Fall ist).

Hier und bei dem Damaskus-Erleben des Saulus erscheint Gott direkt als Licht. Interessanterweise wird im NT häufiger

 

mit dem Begriff „Licht" .. metaphorisch umschrieben, wie Christus ist bzw. was er tut und wie seine Gefolgsleute sein sollen. „Ihr seid das Licht der Welt" sagt Jesus seinen Hörern in der Bergpredigt (Mt 5,14) und meint ein Verhalten, das ein „leuchtendes Vorbild" für andere sein soll.44 In ähnlichem Sinne (metaphorisch) ist auch ]oh 8,12 (Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt) zu verstehen sowie der Johannesprolog (Joh 1,9: Jesus ist das Licht, das die Menschen erleuchtet). In diesen Fällen dient das irdische Licht als Metapher dafür, wie Christus ist bzw. wie die Christen sein sollen. „Licht" zu sein, wird in 1 . Job 1,5 Gott selber zugeschrieben: Gott ist Licht, und Finsternis ist in keiner Weise in ihm ... Die Lichtmetaphorik ist besonders in den johanneischen Schriften ein beliebtes Motiv...

Mit NDE vergleichen lassen sich Texte im NT, die „Licht" in symbolischer Weise als Kennzeichen einer transzendenten göttlichen Sphäre erscheinen lassen. Dass Gott in einem Licht wohnt, dem keiner nahen kann (1. Tim 6,16), umschreibt ‑ auf den Bahnen uralter Symbolik ‑ den „Bereich" Gottes, der wie blendendes Licht unnahbar ist. Anderen Texten liegen visionäre Lichterfahrungen zu Grunde und haben als solche eine stärkere Affinität zur NDE ... (39)

 

Auf diese visionären mystischen (Licht-)Erfahrungen im NT zentriert sich meine Arbeit. Dennoch zeigt sich insgesamt aber:

 

Die Lichterfahrung bei NDE ist zunächst einmal etwas anderes als das sprachliche Mittel der Lichtmetaphorik, wenngleich die Inhalte dieser Erfahrung einigen Glaubensaussagen aus der Lichtmetaphorik (Gott als grenzenlose Liebe etc.) dann wieder recht nahe kommen (39).

 

So ist (nicht nur) die biblische

 

Metaphorik ... ein individuelles Stilmittel, bei dem ein gemeinter ‑ meist abstrakter Sachverhalt auf verfremdete, meist bildliche Weise dargestellt wird. Zwischen dem Bild und dem Sinn besteht eine Analogie. Beide haben etwas gemeinsam.46 Darin gleichen sich Metapher und Symbol, denn es besteht ebenfalls eine Analogie zwischen dem Symbol und dem Symbolisierten ...

Zaleski betont den imaginativen Bildcharakter der Visionen in Todesnähe und schlägt vor, diese Visionen „als Ergebnis religiöser Vorstellungskraft zu betrachten, deren Funktion es ist, Bedeutung durch symbolische Formen zu vermitteln". Zugleich hat sie den Symbolbegriff präzisiert: Ein Symbol ist ein Bild, „das etwas über sich selbst Hinausgehendes darstellt". Daraus ergibt sich, „dass ein Symbol an der Realität, die es darstellt, teilnimmt". Es ist also „keine Kopie der Realität", „doch vermittelt es etwas von ihrer Kraft".  Zaleski legt m. E. überzeugend dar, dass solch eine Bildhaftigkeit generell jeder angemessenen Rede von Gott eigen ist, denn „das Verständnis, das wir vom Transzendenten erhalten, kommt durch Symbole zu uns" Zaleski beruft sich für ihr Verständnis von Symbol vor allem auf P. Tillich, dessen Ausführungen über „repräsentative Symbole" sich in der Tat kaum verändert bei ihr wiederfinden.  Für Tillich weisen Symbole „auf etwas hin, das nicht unmittelbar ergriffen werden kann, sondern ... indirekt ausgedrückt werden muß".  „Das zweite Merkmal aller repräsentativen Symbole besteht darin, daß das Symbol an der Wirklichkeit dessen teilhat, auf das es hinweist". „Symbole partizipieren an der Macht dessen, was sie symbolisieren", sie holen eine andere Wirklichkeit heran, ohne sie zu entschleiern. Weil diese andere Wirklichkeit mehr ist als sich in einem Symbol sagen lässt, bedarf es einer Vielzahl von Symbolen; diese Vielzahl kann davor bewahren, ein Symbol wörtlich als wahr misszuverstehen. Kein Symbol ist völlig adäquater Ausdruck des Symbolisierten, darum enthält es stets auch ein Stück Unwahrheit (39).

 

Dies wiederum erklärt die varianten Ausgestaltungen der NDE-Elemente in den NDEs, die insgesamt jedoch eine deutliche Parallele in den neutestamentlichen Erfahrungen UND metaphorischen Texten haben:

 

Im Verständnis von Gott als einer Kraft, die unendliche Liebe ausströmt, kommen sich Erfahrungen bei NDE und Aussagen (und Erfahrungen, m.Z.) im NT jedenfalls erstaunlich nahe (39).

 

Doch kommen wir wieder zurück zu dem Verklärungserleben. Im Gegensatz zu den meisten NDEs handelt es sich bei diesem neutestamentlichen Bericht um ein den sog. shared near-death experiences (40) ähnelndes Erlebnis, da es von drei Lebenden gleichzeitig erlebt und so von einer subjektiven, intraindividuellen zu einer objektiven, von allen (vier) Anwesenden geteilten Wirklichkeit wird. Verifizierende Bedeutung hat in diesem Fall auch die - auch von wenigen Buddhisten beschriebene -  (psychokinetische?) Tatsache, dass Jesus seinen materiellen Körper kontrolliert in einen immateriellen Lichtkörper verwandeln und somit anscheinend selbstständig vom physischen in einen energetischen Zustand (und zurück) wechseln konnte. Dies ist als Hinweis auf seine jederzeitige Beherrschung der Naturgesetze, seine Herrschaft auch über Tod und Sterben und damit auf seine Gottessohnesschaft zu erklären. Die Stuttgarter Erklärungsbibel umschreibt das in ihrer Weise:

 

Die drei erwählten Jünger werden Zeugen der Macht und Herrlichkeit, die Jesus von Gott her zuteil werden wird (und ihm jetzt schon verborgen zu eigen ist), weil er den Weg in den Tod beschreitet (38).

 

Berger wiederum kommentiert die Verklärung Jesu noch prägnanter auf dem Stand modernster Kenntnisse:

 

Die moderne Exegese hat kein Verhältnis zum Bericht über die Verklärung Jesu (Mk 9,2-9 par.), weil sie glaubt, Jesus, ihren Gegen­stand, unter Ausschluss von Mystik begreifen zu können, weil sie überhaupt hilflos vor den Kategorien Mystik und mystischer Erfah­rung steht. Dabei verstehe ich unter dem, was sich durch »Mystik« an Wirklichkeit erschließt, nichts Krankes, nichts bloß Privates oder Eingebildetes, sondern etwas Objektives, das freilich weder allgemein zugänglich noch objektiv nachprüfbar oder wiederholbar ist. Mystik geht von der begründeten Annahme aus, dass die Wirklichkeit um­fassender ist als sie (natur-)
wissenschaftlich feststellbar ist. Mystik ist die Definition der Welt unter Einschluss der Existenz Gottes und der Annahme der Möglichkeit von Interaktion mit allen »Personen« und Mächten der unsichtbaren Welt. Mystik geschieht Tag für Tag millionenfach (IN FORM DER NAH-TODESERFAHRUNGEN, mein Zusatz), wenn Menschen beten, an Erhörung der Gebete glau­ben, wenn sie sich im Leben geführt, geschützt und getröstet wissen. Mystik nennt man den Kontakt mit »Personen« der unsichtbaren Welt Gottes (oder der Gegenseite), hier bei der Verklärungsszene in der klassischen Gestalt der drei Stadien: Vision, Zwischenszene mit Betonung der Unbegreiflichkeit und Audition. Es ist unmöglich Jesus unter Ausschluss der mystischen Dimension gerecht zu werden - weil Jesus Sohn Gottes ist, gehört er nach dieser Seite seines Wesens zur himmlischen Welt. Und so brach - mystisch betrachtet - aus Je­su Leib auch zeit seines Erdenlebens immer wieder einmal die göttli­che, das heißt: verwandelte Leibhaftigkeit hervor, so auch beim Ge­hen auf dem Meer (1,68-69).

 

Die Wirklichkeit hat eine mystische Di­mension - eine Dimension, die nicht sozialgeschichtlich reduzierbar ist, eine eigenständige Dimension, für die eigene Kriterien und Re­geln gelten. Die theologische Mitte des Evangeliums nach Markus ist die Verklärung Jesu, denn sie bestätigt vom Himmel her den An­spruch Jesu nach dem Petrusbekenntnis. Die Forschung liebt diesen Bericht nicht gerade und betrachtet ihn als fehlplatzierte Osterge­schichte. Ich halte diese Deutung für unbegründet und gewaltsam. Die Verklärung Jesu ist eine typische mystische Erfahrung. Weil sie mit neuzeitlichen Mitteln nicht rekonstruierbar ist, darf man sie den­noch nicht auf einen symbolischen Gehalt reduzieren. Erfahrungsge­mäß gilt: Sobald man mit einer Reduktion beginnt, kommt kein En­de in Sicht. Man kann die Verklärung reduzieren auf die Aussage, ge­meint sei der Glaube an Jesus als Sohn Gottes. Man reduziert weiter und sagt: Gemeint ist nur, dass er ein guter Mensch war. Oder man kann auch das auf seine symbolische Bedeutung reduzieren, und dann heißt es: Gott liebt alle Menschen, denn da steht ja: »Dieser ist mein geliebter Sohn.« Oder sollten wir nicht gleich sagen: »Liebe ist etwas Göttliches«? Und damit wären wir dann endlich bei Weis­heiten, die dem allgemeinen Bildungsstand in religiösen Dingen ent­sprechen. So hilft es am Ende nur, den Bericht über die Verklärung so zu akzeptieren, wie er dasteht, als mystische Erfahrung mitten im Leben Jesu (1,69).

...

Die Verklärung ist daher nicht irgendein abwegiges mystisches Geschehnis am Rande, sondern sie ist der zentrale Ort der Selbster­öffnung Gottes; hier erscheint sein Wille; hier wird höchste Verbind­lichkeit eingefordert. Sie ist daher die Mitte des Evangeliums nach Markus, die Achse, um die sich alles dreht. Davon legt die berühmte Verklärungsikone der Ostkirche Zeugnis ab. Der monastischen Spiri­tualität der Ostkirche war die Lichterfahrung auf dem Berg ein durchaus plausibles Ereignis. Es wird der Beitrag künftiger Exegese sein, die mystischen Traditionen der Bibel wiederzuentdecken und sie nicht systematisch beiseite zu schieben. Denn hier geht es nicht um merkwürdige Jüngerfantasien, sondern um den Einbruch der Wirklichkeit Gottes in und an der Person Jesu. Und genau das ist die Mitte der Evangelien. Jede Ermäßigung dieses Berichtes ist daher un­angebracht (1,71).

...

Und es gibt bei der Verklärung auch eine entsprechende Erfahrung mit Jesu Leib auf dem Berg. Kein normaler Leib wird verklärt und leuchtet heller als ein Walker einen Stoff entfärben kann. Hier stehen die Dinge wieder Spitz auf Knopf: Entweder man bekennt sich zur Normati­vität moderner amystischer Alltagserfahrung und postuliert, dass es ein Durchbrechen der Naturgesetze schlechterdings (infolgedessen auch in der Bibel) nicht geben kann, oder man achtet den offenen mystischen Kontext Jesu und setzt sich damit der ‚peinlichen' Mög­lichkeit aus, Jesus könne tatsächlich auch vor Ostern getan haben, was von dem Leib des Auferstandenen nach Ostern bezeugt wird, dass er durch Türen gehen und mit einem Mal verschwinden konn­te. Warum soll es nicht auch schon vor Ostern ähnliche Phänomene geben? Vielleicht bricht in Jesu Leib in besonderen Offenbarungssze­nen etwas durch, das man sehen und erfahren konnte. Offensicht­lich wirkt Jesus nicht nur als Prediger mit Exorzismen und Wundern, sondern auch durch und mit seinem Leib. Nur das Erste kennen wir etwas, bei den Wundern winken viele schon ab, aber mit Jesu Leib. an dem seine Gottessohnschaft offenbar wird und „durchbricht“, hat sich noch niemand so recht beschäftigt. Denn wir haben immer betont, Jesus sei wahrer Mensch. Aber wenn er wahrer Gott ist, dann hat auch Jesu Sich-Offenbaren durch seinen Leib einen besonderen Stellenwert (1,81-82).

 

Tatsächlich stellt Jesus selbst – wie viele NDEr - den Zusammenhang zwischen diesen NDE-ähnlichen, aber von mehreren Lebenden gleichzeitig erlebten Erscheinungen und dem Leben nach dem Tod her, indem er nach dem Abstieg vom Berg sagte:

 

Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist (Mt 17,9)

 

Für die drei anwesenden Jünger war dieses Erleben dann auch de facto eine Vorwegnahme der späteren Auferstehung Jesu von den Toten mit seinem spukhaften Erscheinen vor verschiedensten Zeugen.

Diese Erscheinungen begannen mit den NDE-ähnlichen Lichtwesen (mit glänzenden Kleidern), die den Frauen das leere Grab erklärten (Lukas 24,1-12). In der Parallele Mt 28,1-7 sind es die Engel selbst, die den Grabstein wegwälzen; es kommt also im Vergleich zu den NDEs wiederum zu einem Mehr an Verifikation, nämlich einer der Psychokinese vergleichbaren Bewegung von Materie.

Eine weitere Parallele zur heutigen Wirklichkeit macht diese Erzählung besonders glaubwürdig: So wie heutzutage auch noch die NDEs (oder alle paranormalen Phänomene wie z.B. der Spuk) hinwegerklärt oder angezweifelt werden, so haben selbst die Jünger Jesu damals noch auf die ersten Erscheinungsberichte mit Unglauben reagiert. Diese Erscheinungen fanden in den nächsten Tagen jedoch gehäuft statt und überschritten in ihrer Phänomenologie weit das Maß heutiger Spukberichte, die (zumindest beim ortsgebundenen Spuk) oft ebenfalls als Erscheinungen Verstorbener imponieren. Auch im Fall der Emmaus-Jünger hat das plötzliche Auftreten und Verschwinden Jesu (Mk 16,13-35) seine Parallelen in den Spukberichten der Parapsychologie (15; 16; 26; 30).

Hier schon wird deutlich, dass erst die Erscheinungen Jesu Ursache des Auferstehungsglaubens der ersten Christen werden. Diese Erscheinungen übertreffen im folgenden aber alle bekannten Spukphänomene, indem sie „materiell fassbar“ werden, weil NUR Jesus als Gottes Sohn bei seinen Erscheinungen – wie auf dem Berg der Verklärung - seinen Körperzustand von einem energetischen in einen physikalischen umwandeln und wieder einen physischen Körper annehmen kann (Lk 24,36-46).

Für die hier erfahrene auch leibliche Auferstehung Jesu von den Toten gelten auch Bergers Worte zu den Totenauferweckungen Jesu:

 

Bei Wundern von der Art der in Joh 11 berichteten Totenerweckung wird die Abfolge von Ursache und Wirkung aufgehoben. Das Ärger­nis hat daher einen »Namen«. Es entspricht durchaus dieser Richtung des Berichts, wenn Jesus von sich sagt, er sei »die Auferstehung«  selbst - und zwar in Person. Das ist, wie wenn zu uns jemand sagte, er sei nicht nur »Präsident der Weltbank«, sondern vielmehr »die Weltbank selbst«. Das bedeutet nichts Geringeres als dass Jesus sagt, er sei Gott selbst. Denn wenn wir durch Gott auferstehen, wenn er uns aufer­weckt, dann ist in Jesus nicht mehr und nicht weniger als dieser Gott anzutreffen (1,94).

 

Zu solchen physischen Erscheinungen Jesu kommt es nach seinem Tod immer wieder (z.B. Joh 21,1-14). Jesus wollte seine Auferstehung selbst dem Ungläubigsten (Thomas) beweisen und so einen festen Glauben an ein Leben nach dem Tod wecken (Joh 20,24-29).

Auch die modernen Bibelkommentare erkennen, dass allein die reale Erfahrung der Auferstehung Jesu durch seine Erscheinungen Triebkraft zur Gründung des Christentums war:

 

Tatsächlich beruht der Glaube an Jesu Auferstehung nach den neutestamentlichen Zeugnissen grundlegend auf dem Erscheinen des Auferstandenen, nicht auf dem Faktum des leeren Grabes. Die entscheidende Ersterscheinung ist nach der ältesten erreichbaren Tradition Simon Petrus zuteil geworden (vgl. 1Kor 15,5; ferner Lk 24,34; Mk 16,7 (38)

 

Petrus, der Leiter der ersten Christen, betont die Bedeutung der nachtodlichen Erscheinungen Jesu für den Glauben der ersten Christen ganz besonders (1 Kor 15,1-8).

Die psychologische Bedeutung der Auferstehung Jesu für die Gründung des christlichen Glaubens und seinen Bestand auch heute noch ist immens:

 

Ohne Auf­erstehung des Menschensohnes bliebe auch unser Leben ein sinnloses Chaos, die Erde ein unbegreifliches Massengrab und unser Geborensein ein Verbrechen, auf das die Todesstrafe gesetzt ist. Ver­standen und bejaht werden kann das Leben nur im Lichte der Aufer­stehung Jesu Christi (1,116).

 

Jesus selbst prognostizierte einem Sterbenden auch eine Auferstehung in einem Paradies-Erleben; möglicherweise lassen sich diese seine Worte zum Schächer am Kreuz somit als Hinweis auf ein diesem bevorstehenden Nah-Toderlebnis verstehen (Lk 23,39-43).

Einen Hinweis auf die Bedeutung dieser Worte vom Erleben des Paradieses liefert auch das sogar zeitlich und auf eine bestimmte Person festgelegte NDE, das Paulus selbst schildert (2.Korinther 12,2-4). Erst die späteren Verehrer des Paulus schmückten diese Geschichte dann ihren jeweiligen Jenseitsvorstellungen entsprechend groß aus und erzählten viele Einzelheiten von Paulus' vermeintlicher Himmels- und Höllenschau (36).

Noch bekannter ist aber die  Bekehrungs-Vision des ehemaligen Saulus zum Paulus auf dem Weg nach  Damaskus (Apg 9,1-9), die ebenfalls viele NDE-Elemente enthält. Anschließend hatte Paulus noch eine PRÄKOGNITIVE Vision von Hananias, der ihm die Hände auflegte und ihn so wieder sehend machte; letzterer hatte eine entsprechende Erscheinung, die ihm in Form einer außersinnlichen Informationsübermittlung den Aufenthaltsort von Paulus mitteilte, dem er die Hände auflegen sollte, damit er wieder sehend würde (Apg 9,10-19).

Hier fallen typische NDE-Elemente auf: Ein himmlisches Licht, das Paulus später noch als ein Licht

 

vom Himmel her ..., das den Glanz der Sonne übertraf (Apg 26,13)

 

bezeichnet, das Hören einer Stimme einer religiösen Figur, eine von dieser vermittelte Präkognition einer weiteren Vision, die sich beide erfüllten. Diese deutliche NDE-Ähnlichkeit spricht für die Echtheit und damit für die Historizität dieses Ereignisses, zumal NDE-Elemente bekanntermaßen zuweilen unter Streß auftreten und hier auch ein religiöses setting bestand, da der religiös sehr engagierte Saulus in großem Eifer auf dem Weg nach Damaskus war, um Christen gefangenzunehmen.

Besonders aber die Auswirkung dieses Erlebens in Form einer Konversion von einem strenggläubigen Juden zum Christen spricht für die Echtheit dieser Erfahrung. Tatsächlich stellte Paulus selbst in einer öffentlichen Rede diese NDE-ähnliche Erfahrung als Grund für seinen Abfall vom Judentum bzw. seine Konversion zum Christentum dar, als er vor das jüdische Volk trat, nachdem er von den Juden angegriffen und den Römern zur Geißelung ausgeliefert worden war (Apg 21,1-16).

Interessanterweise kam es danach zu einer weiteren „Verzückung“ mit einer Jesus-Vision, von der Paulus ebenfalls öffentlich berichtete und somit ein weiteres Mal seine NDE-ähnlichen Visionen zur Begründung und Rechtfertigung seiner Konversion heranzieht (Apg 21,17-21). Später stellt Paulus noch einmal öffentlich – diesmal sogar vor dem römischen Statthalter Festus und vor König Agrippa - seine Konversion zum Christentum als Folge seiner Damaskus-Vision dar (Apg 26,1-20). Tatsächlich sind solche extremen Persönlichkeitsveränderungen zumeist nur als Folgen von NDEs bekannt.

Im Gegensatz zu den NDEs erfüllt aber auch das Paulus-Erlebnis mehr Echtheits- bzw. Verifikations-Kriterien. So wird die Stimme nicht nur von Paulus, sondern von allen Anwesenden gehört; nach Apg 21 haben die Begleiter auch das Licht gesehen, so dass hier eine von vielen gleichzeitig gesehene Vision vorliegt, die die Kriterien eines shared near-death experiences (40) weit übertrifft, da es von allen anwesenden Menschen erlebt wird und somit das psychiatrische Kriterium einer Wahrnehmung der Realität erfüllt. Das Licht hat aber auch physische Auswirkungen, die Präkognition und die Vision von Paulus erfüllen sich ebenso prompt und genau wie die parallele Vision des Hananias und die Konversion ist zielgerichtet - also nicht wie bei vielen NTErn verloren in einer dauernden Suche nach ihrer spirituellen Aufgabe - und gelingt vorbildlich.

Diese Unterschiede lassen die NDEs somit ein weiteres Mal als Vorspiel bzw. Andeutung einer echten Erfahrung erscheinen; ihnen fehlt also noch das Maß der Verifizierbarkeit und somit der Realität, das die Paulus-Vision besitzt. Die in wissenschaftlichem Gewand einherkommenden Rationalisierungsversuche selbst der Erfahrung des Paulus als Epilepsie mit Aura und Hemianopsie (553,C1333-1334) oder aber als

 

Erschöpfungszustand durch Hitze und Sonne ...

mit einer starken Blendung bei UV-Licht-Keratitis und/oder einer Retinopathia solaris (37)

 

sind somit nicht nur in sich zweifelhaft, sondern als Erklärung für die genannten NDE-Elemente völlig unzureichend. Sie sind in sich zweifelhaft, weil die Diagnose einer Epilepsie bei Paulus eine reine Vermutung ist und die dreitägigen Hemianopsie-Dauer des Paulus nicht mit der Dauer einer eventuell epileptisch bedingten Hemianopsie übereinstimmt. Eine Solarretinopathie wiederum müßte für den Rest des Lebens eine Beeinträchtigung des zentralen Sehens hinterlassen haben (37), wofür es keine Belege im Neuen Testament gibt.

Beide Erklärungen schließlich können das Auftreten von NDE-Elementen, insbesondere das Hören der Stimmen auch durch die Begleiter des Paulus und dessen dabei aufgetretende Präkognition nicht erklären. In ihrer Ausblendung als auch der einseitigen Betonung bestimmter Fakten erweisen sie sich als ein typisches Beispiel pseudowissenschaftlich-reduktionistischer Blindheit für außergewöhnliche Bewusstseinszustände und mystische Erfahrungen.

Auch Stephanus hielt seine vor einer unmittelbar bevorstehenden Steinigung gemachte Nah-Todes-Vision für ganz real (Apg 7,55). Schließlich schildert der Apostel Johannes in der Offenbarung noch andere, z.T. an moderne NDEs erinnernde leuchtende paradiesische Jenseitsbilder. Dazu zählt z.B. die himmlische Stadt Jerusalem (Offb 21,10-25).

 

3 Die Nah-Todforschung falsifiziert viele theologische Theorien über die außergewöhnlichen Erscheinungen und Wunder im Neuen Testament

 

In dieser – lange nicht alle NDE-ähnlichen Erfahrungen im Neuen Testament und auch die Parallelen nicht untersuchenden – Übersicht zeigt sich somit ganz klar:

Die Auferstehung Jesu ist durch ein vielfaches Wiedersehen/Erscheinen des Gestorbenen belegt und wurde dadurch für die ersten Christen zum Beweis für ein Leben nach dem Tod; zuvor schon war die Auferstehung Jesu Zentrum der Lehre Jesu und später auch der urchristlichen Gemeinden.  So sagte Apostel Petrus in der Pfingstpredigt, dass bereits David geredet habe „von der Auferstehung Christi, dass seine Seele nicht dem Tode gelassen ist und sein Fleisch die Verwesung nicht gesehen hat. Diesen Jesus hat Gott auferweckt; des sind wir alle Zeugen" (Apostelgeschichte 2, 31. 32). In seiner Predigt nach der Heilung eines Lahmen sagte derselbe Apostel unter anderem: „... den Fürsten des Lebens [= Jesum] habt ihr getötet. Den hat Gott auferweckt von den Toten; des sind wir Zeugen ... Euch zuvörderst [d. h.: zuerst für euch Juden] hat Gott auferweckt seinen Knecht Jesus" (Apostelgeschichte 3,15.26). Im Haus des Kornelius sagte Petrus: „Den [= Jesum] haben sie getötet und an ein Holz gehängt. Den hat Gott auferweckt am dritten Tage und ihn lassen offenbar werden, nicht allem Volk, sondern uns, den vorerwählten Zeugen von Gott, die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er auferstanden war von den Toten" (Apostelgeschichte 10, 39‑41).

Auch in den Predigten und Briefen des Apostels Paulus wird die Auferstehung Christi immer wieder bezeugt (vgl. u. a. Apostelgeschichte 13, 30. 34;17). Trotzdem gab es unter den ersten Christen welche, die die Auferstehung in Zweifel zogen. Das geschah auch in der Gemeinde zu Korinth. Irrlehrer hatten sich gegen den Glauben an eine Auferstehung ausgesprochen. Das nahm Apostel Paulus zum Anlass, diesen grundlegenden Glaubens‑ und Lehrinhalt zu erläutern. Ohne den Glauben an die Auferstehung wäre nach den Worten des Apostels der Glaube an Christum sinnlos: „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich" (1. Korinther 15, 14). Jesus selbst wollte definitiv, dass seine Nachfolger wissen, dass und wie es nach dem Tod weitergeht (Joh 14,1-3).

Tatsächlich ist Jesus der einzige Mensch, der von den Toten zurückgekommen ist. Damit sind der Dualismus in der Unterscheidung von Leib und Seele und der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele Erfahrungswissen des NT wie auch tausender NDEr. Im Gegensatz zu den NDEs und allen anderen Religionen jedoch weiss das allein NT etwas von Nachtoderfahrungen (in der Auferstehung Jesu und des [schon verwesenden] Larzarus); NDEs und der Buddhismus dagegen enden mit veränderten Wachbewusstseinszuständen im Diesseits.

Die Bedeutung ungewöhnlicher, d.h. Jesus-zentrierter mystisch-außersinnlicher Wahrnehmungen und Wunder war somit die Kraft, die die Christen gegen alle Widerstände an ihrem Glauben festhalten liessen. Theologische Sätze wie „Es ist noch niemand von den Toten zurückgekommen“ – „In der Bibel steht nichts von Unsterblichkeit“ – „Es könne nicht um Wissen gehen bei der Frage nach dem Leben nach dem Tod, da es keine Erfahrung vom Leben nach dem Tod gibt“ sind also weder empirisch noch christlich haltbar und damit falsch. Auch andere theologische Aussagen wie „Die Bibel sagt nichts zum Leben nach dem Tod  – aber Karl Barth hat gesagt ...“ sind nach der Lehre, dem Leben, dem Tod und der Auferstehung Jesu überflüssig. Denn Jesus wollte klares Wissen von einem realen Leben nach dem Tod vermitteln (Joh 20,29)!

Dieser Umgang Jesu mit dem Zweifler Thomas belegt: Die (heutigen) theologischen Zweifel an der realen Weiterexistenz nach dem Tod – und die daraus resultierenden Publikationen - stehen somit in diametralem Gegensatz zu den neutestamentlichen mystisch-außersinnlichen Erfahrungen (der Auferstehung Jesu). Die moderne Theologie hätte somit die Entstehung des Christentums erfolgreich verhindert. Erst die postmoderne Theologie (Bergers) - und immer schon diejenigen, die die frohe Botschaft des Neuen Testaments im Glauben  annahmen – finden zu Jesus zurück.

Oder anders ausgedrückt: Nah-Todeserfahrungen können

 

1. (ähnlich wie die Parawissenschaften) zu einem erweiterten Wirklichkeitsverständnis beitragen: Es gibt Erfahrungen, die unsere Alltagswelt transzendieren und bislang unfassbare Bereiche von Wirklichkeit ahnen lassen.

2. dem theologischen Denken Indizien für eine Fortexistenz des Menschen über sein körperliches Ende hinaus an die Hand geben.

3. der kirchlichen Verkündigung von einer Zukunft jenseits des Todes aus farbloser Blässe und formaler Abstraktheit ein wenig heraushelfen und zeitgemäße Symbole und bewegende Erfahrungen als Anknüpfungspunkt anbieten.

4. das theologische Denken und die Glaubensverkündigung stärker mit religiösen Erfahrungen unterlegen als Alternative zu einseitig dogmatisierender, moralisierender, politisierender oder psychologisierender Glaubensvermittlung.

...

Gelegentlich wird warnend auf die „Gefahr" hingewiesen, „den christlichen Glauben an Gottes Offenbarung in Jesus Christus durch die anderweitigen ,Offenbarungen' ... abstützen oder ergänzen zu wollen".

... Von einer Selbstsicherheit, die keine Unterstützung nötig hätte, ist christlicher Glaube heute weiter entfernt denn je. Außerdem handelt es sich nicht um „anderweitige Offenbarungen" oder gar um Modeerscheinungen, sondern um Varianten von Erfahrungen, die Wurzeln im NT haben und tief in der christlichen Frömmigkeitsgeschichte verankert sind. Ferner wird die neutestamentliche Offenbarung nicht „ergänzt", weil wie dargelegt ‑ eben diese Offenbarung den Bezugsrahmen abgibt, in dem Erfahrungen in Todesnähe theologisch legitim rezipiert werden dürfen. „Gefahr" geht nicht von einer überlegten theologischen Rezeption der NDE aus, sondern von einem Trend, dass Kirche von ihrem ureigensten Gebiet, nämlich dem der religiösen Erfahrung, verdrängt wird und dass sich eine kirchenferne private Spiritualität weiter aufbaut (39).

 

Eines jedoch ist sicher: In ihrer religiösen Bedeutung, ihren verifizierten mystisch-paranormalen Erfahrungen und ihrem Vorbildcharakter übertreffen Leben und Lehre Jesu alle NDEs bei weitem. Nah-Todeserfahrungen können bestenfalls ‑ wie auch unter anderen Bedingungen auftretende mystische Erfahrungen ‑ religionsverstärkend wirken und damit die Möglichkeit zu vermehrtem Wachstum eröffnen. Dieses erfordert jedoch wie alle religiösen Wege harte Arbeit und Disziplin ‑ und darin kann selbstverständlich auch der NDEr versagen! NDEs sind somit allenfalls Katalysatoren für einen weiteren mühsamen Entwicklungsprozeß; sie sind nur Wegweiser bzw. kurze Einblicke in bzw. Informationen über ein lohnenswertes Ziel. Der Weg dorthin muß weiterhin in spiritueller/religiöser Disziplin der Nachfolge Jesu als der anthropologisch gesündesten Hochreligion gegangen werden; eine esoterisch‑wahnhafte Religiosität als Interpretationsrahmen der NDEs macht die potentiell positiven Effekte der NDEs wieder zunichte (3).

 

Nah‑Todeserfahrungen sind also nur das Wasser für den Samen, den die religiösen, philosophischen oder gar politischen Weltanschauungen gelegt haben. Das Wasser des Nah‑Todeserlebnisses läßt deswegen dann auch ganz unterschiedliche Pflanzen wachsen ‑ mit guten oder schlechten Früchten. Damit erfüllt sich wieder ein Wort Jesu: „An ihren Früchten“ ‑ und nicht an ihren Nah‑Todeserfahrungen – „sollt Ihr sie erkennen" (Matt 7,16). Und nur durch die Nachfolge Jesu – nicht aber durch akzidentielle Todesnäheerfahrung – kommt der Mensch an sein Ziel und damit zu Gott.

 

Literatur

1 Klaus Berger, Jesus. Pattloch Verlag, München 2004

2 Rainer Riesner, Jesus als Lehrer. J.C.B. Mohr, Tübingen 1984³

3Schröter-Kunhardt, M, Nah-Todeserfahrung – Grundlage neuer Sinnfindung. In:  Hermes A. Kick (Hg): Ethisches Handeln in den Grenzbereichen von Medizin und Psychologie. Mit Beiträgen von Axel W.Bauer, Uwe Bleyl, Dietrich von Engelhardt, Hermes Andreas Kick, Walter von Lucadou, Nossrat Peseschkian, Samuel Pfeiffer, Dietrich Ritschl, Heinz Scheurer, Wolfram Schmitt, Michael Schröter-Kunhardt, Alfred Simon, Reiner Wiehl. LIT VERLAG, Münster, 2002

4 Schröter-Kunhardt M, Das Jenseits in uns. Psychologie Heute, Juni 1993, 64-69

5 Nah-Todeserfahrungen oder: Ein neues anthropologisches Paradigma. TW Neurologie Psychiatrie 6/1992, 621-622

6 Schröter-Kunhardt M, Erfahrungen Sterbender während des klinischen Todes. In: R.Schwarz/S.Zettl (Hrsg.), Praxis der psychosozialen Onkologie: Versorgungsangebote für Klinik, Praxis und häusliche Pflege. Verlag für Medizin Dr.E.Fischer, Heidelberg 1993, 539-543

7 Schröter-Kunhardt M, Erfahrungen Sterbender während des klinischen Todes. TW Neurologie Psychiatrie 9/1995,132-140

8 Schröter-Kunhardt M,           Erfahrungen Sterbender während des klinischen Todes. In:  Knupp B, Stille W (Hrsg.), Sterben und Tod in der Medizin.Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart 1996, 71-76)

9 Schröter-Kunhardt M, Nah-Todeserfahrungen: Psychologisch-biologische Grundlage für den Glauben an ein Leben nach dem Tod. In: Petersen P, Majestät des Todes - Bewegung des Lebens. 3. Symposion für künstlerische Therapien. Kongreßband, Hannover 1997,93-117

10 Schröter-Kunhardt M, Nah-Todeserfahrungen: Psychologisch-biologische Grundlagen und Erklärungsansätze für ein Leben nach dem Tod. Ars Medici 15/1997,868-875

11 Schröter-Kunhardt M, Nah-Todeserfahrungen: empirisch-biologische Grundlage für den Glauben an ein Leben nach dem Tod. In:  Assmann J, Trauzettel R (Hrsg.): Tod, Jenseits und Identität. Verlag Karl Alber GmbH, Freiburg/München 2002

12 Schröter-Kunhardt M, Nah-Todeserfahrungen: Letzte und existentielle Erfahrungen an der Grenze des Todes. In: Kessler, H: Auferstehung der Toten: Ein Hoffnungsentwurf im Blick heutiger Wissenschaften. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004

13 Schröter-Kunhardt M, Unterweltfahrten als „near-death experiences“: Ein Beitrag zur Deutung negativer Nah-Todeserlebnisse in: Herzog M (Hrsg.), Höllen-Fahrten: Geschichte und Aktualität eines Mythos. Kohlhammer GmbH Stuttgart 2006

14 Schröter-Kunhardt M, Oneiroidales Erleben Bewusstloser. IN: Kammerer Thomas,Traumland Intensivstation: Veränderte Bewusstseinszustände und Koma: Interdisziplinäre Expeditionen. Books on Demand GmbH 2006

15 Schröter-Kunhardt M, Negative Nah-Todeserfahrungen: Gibt es eine Hölle? Grenzgebiete der Wissenschaft 3/2006,195-246

15 Bender H, Umgang mit dem Okkulten. Freiburg im Breisgau: Aurum Verlag 1984

16 Bender H, Verborgene Wirklichkeiten: Aufsätze zur Parapsychologie III München: R.Piper GmbH & Co KG 1985

17 Von Lucadou W, Psyche und Chaos: Neue Erkenntnisse der Psychokinese-Forschung. Aurum Verlag, Freiburg im Breisgau 1989

18 Lucadou Wv, Poser M, Geister sind auch nur Menschen: Was steckt hinter okkulten Erlebnissen? Ein Aufklärungsbuch. Verlag Herder im Breisgau 1997

19 Walach H, Trance und Telepathie - eine ethnopsychologische Studie. Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 1/2, 1995 (37), 103-106)

20 Haraldsson E, Houtkooper JM: Eine Metaanalyse von Experimenten über Wahrnehmungsabwehr und Außersinnliche Wahrnehmung: Glaubensüberzeugung, Persönlichkeit, Versuchsleiter- und Absinkungseffekte. Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 3/4 (36), 1994, 194-210

21 Reuter BM, Kurthen M, Linke DB, Der Leib-Seele-Zusammenhang und die parapsychischen Phänomene. Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 1-4/30, 1988,172-182

22 Wais M, Auf der Suche nach einer Theorie des Anarchischen - oder: Was verbindet Parapsychologie und Neuropsychologie? Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 1-4/27, 1985,55-64

23 Mischo J, Paranormale Erfahrungen im Traum. Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 1-4/27, 1985,116-141

24 Johnson MU, Die Verwendung des "Defensive Mechanism Test" (DMT) in der Parapsychologie - eine Übersicht der Methodologie und Ergebnisse. Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 1-4/27, 1985,65-92

25 Mischo J, Paranormale Erfahrungen im Traum. Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 1-4/27, 1985,116-141

26 Huesmann M, Schriever F, Steckbrief des Spuks: Darstellung und Diskussion einer Sammlung von 54 RSPK-Berichten des Freiburger Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene aus den Jahren 1947-1986. Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 1-2/31,1989,52-107

27 Dinzelbacher P (1989) An der Schwelle zum Jenseits: Sterbevisionen im interkulturellen Vergleich. Freiburg im Breisgau: Herder Taschenbuch Verlag

28 Dinzelbacher P, Mittelalterliche Vision und Moderne Sterbeforschung. In: Kühnel J (Hrsg.), Psychologie in der Mediävistik, Göppingen 1985, 9-49

30 Mattiesen E, Das persönliche Überleben des Todes. Walter de Gruyter & Co, Berlin und Leipzig 1936

31 Högl S, Transzendenzerfahrungen: Nahtod-Erlebnisse im Spiegel von Wissenschaft und Religion. Tectum-Verlag, Marburg 2006

32 Ewald G, 'Ich war tot': Ein Naturwissenschaftler untersucht Nahtod-Erfahrungen. Pattloch Verlag, Augsburg 1999

33 Ewald G, Nahtoderfahrungen. Verlagsgemeinschaft Topos plus, Regensburg 2006

34 Kepp R, Staemmler H-J, Lehrbuch der Gynäkologie Thieme Verlag, Stuttgart 1977, S. 219

35 Ärzte Zeitung 7.10.1992,12

36 Zaleski C, Nah-Todeserlebnisse und Jenseitsvisionen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1995

37 Kluxen G, Sehstörungen des Apostels Paulus. Deutsches Ärzteblatt, 19.7.1993,C1333-1335

38 Stellenkommentar der Stuttgarter Erklärungsbibel zum Text der Lutherbibel 1984 elektronisch. Neuausgabe mit Apokryphen. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2005

39 Schweer W, Todesnäheerfahrungen und christlicher Glaube. MATERIALDIENST DER EZW 2/2001

40 Howarth G, Kellehear A, Shared Near-Death and related illness experiences: Steps on an unscheduled journey. Journal of near-death studies 20 2/2001,73-77

 

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