In:
Frank Vogelsang (Hrsg.): An der Grenze unseres
Lebens. Erfahrungen in der Nähe des Todes nd ihre theologische Deutung.
Evangelische Akademie im Rheinland, Bonn 2007, S.77-105:
Jesus
ist das einzige Foto, das wir von Gott haben (1,61)
·
Nah-Toderfahrungen wurden seit
Menschheitsbeginn von allen Menschen gemacht und in den verschiedensten
Religionen beschrieben, bewertet und in die jeweilige Religion inkorporiert;
dabei haben sie in den jeweiligen Religionen eine sehr wichtige, zumeist
religionsverstärkende Funktion (3; 4;
5; 6; 7; 8; 9; 10; 11; 12; 27; 28; 29; 31; 32; 33; 36; 39).
Nah-Todeserfahrungen werden aber nicht zu einer eigenen Religion und können
keine Hochreligion ersetzen. Ein Nah-Toderlebender wird dementsprechend durch
seine Erfahrung zwar religiöser, dabei aber oft erst zu einem eine religiöse
Orientierung Suchenden, dessen weitere ethische Entwicklung und Reife von der
Gesundheit der Religion abhängt, der er sich (mit seiner Nah-Toderfahrung)
anvertraut (3).
·
Das Neue Testament schildert
die Entstehung des Christentums als Folge von außergewöhnlichen,
mystisch-paranormalen Erscheinungen, die sich auf und um die Person Jesu
zentrieren. Nur solche ungewöhnlichen Erfahrungen konnten mitten in einer
strenggläubigen und (noch heute) konversionsfeindlichen jüdischen Religion
unter römischer Fremdherrschaft zur Gründung des Christentums führen.
Tatsächlich entsprechen die neutestamentlichen
außergewöhnlichen/ außersinnlichen (mystischen)
Erfahrungen in Form von Engel- und Verstorbenen-Erscheinungen
phänomenologisch und in ihren Auswirkungen dem aus der Parapsychologie
bekannten Spuk (Verstorbener) (15; 16;
17; 18; 19; 20; 21; 22; 23; 24; 25; 26; 30) und den Nah-Todeserfahrungen.
Dies spricht dafür, dass es sich bei den neutestamentlichen Erscheinungen um
reale bzw. primäre und nicht - oder nur sekundär - um durch Theologen und
Theoretiker zu erklärende (oder gar wegzuerklärende) Erfahrungen handelt.
·
In ihrer Verifikationsstärke
übertreffen die neutestamentlichen Erscheinungen jedoch die NDEs und die
bekannten Spuk-Berichte, da sie zumeist von mehreren Menschen gleichzeitig
erlebt werden und zumeist mit sich erfüllenden außersinnlichen
Wahrnehmungsleistungen (ASW) einhergehen. Damit sind die neutestamentlichen
Erscheinungen also realer als alle NDEs, deren wichtigsten Grundelemente sie
jedoch teilen.
·
Gerade (und nur) diese Häufung
mystisch-religiöser Erfahrungen um das und im Leben Jesu und die empirische
Verifikation der in ihnen oft außersinnlich erhaltenen Botschaften führte zur
Gründung des Christentums in einer konservativ-strengen und
konversionsfeindlichen jüdischen Glaubenswelt.
Für diesen
erkenntnistheoretischen Umgang mit den neutestamentlichen religiösen Erfahrungen
spricht (endlich) auch die moderne Theologie: Diese hat gezeigt, dass die
Tradierung der Lehre und Wunder Jesu von nicht durch von medialen
Wissensunmengen überfluteten Juden erfolgte, die wie wir heute bei der
Wiedergabe von Geschehnissen schnell Fehler machten. Vielmehr waren es
Juden(christen), die einer Kultur der wortgenauen Repetition auswendiggelernter
und damit genau tradierter Zitate (aus der Thora) aufwuchsen und diese genaue
Tradierung auch bezüglich des Lebens und der Lehre Jesu vollzogen (2,62.193-199.359-361.440-453).
So war schon
aufgrund
der unvokalisierten hebräischen Schrift ... Auswendiglernen für jüdische
Elementarschüler in Synagogengemeinden, wo die heiligen Schriften im Urtext
vorgelesen wurden, eine besonders unabweisbare Notwendigkeit. Die heiligen
Texte im Synagogengottesdienst korrekt und ohne Stocken lesen zu können,
bedeutete für sie nichts anderes, als erhebliche Teile des Alten Testaments
auswendig zu lernen ...
Schon
Josephus rühmte das auswendige Wissen seiner jüdischen Landsleute
und die rabbinische Überlieferung weiß mancherlei Erstaunliches über die
Bibelkenntnis schon bei Schulkindern zu erzählen. So soll R. Ze iri in der
Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. in einer babylonischen Gemeinde den gestörten
Text einer Schriftrolle nach den Angaben von Schulkindern wiederhergestellt
haben (Men 29b). Dabei wird ausdrücklich betont, daß es sich noch nicht einmal
um besonders begabte Kinder gehandelt hätte. Wenn hier im Einzelnen auch
die
Übertreibung mitspielt, so kamen doch auch Nichtjuden nicht umhin, hohe
Gedächtnisleistungen anzuerkennen. Hieronymus geriet in Staunen darüber, daß
Juden seiner Zeit die Namenslisten der Chronikbücher in der richtigen
Reihenfolge vorwärts und rückwärts aufsagen konnten, ja, einige sogar Torah und
Propheten auswendig beherrschten (Comm in Is 58,2). Ähnliches berichtet auch
Eusebius. Ein Mindestmaß war die Beherrschung des Dekalogs (2,194-195).
Für diese
erstaunlichen Leistungen wurden eine Vielzahl von Mnemotechniken und Erziehungsmaßnahmen
eingesetzt und Schulen eingerichtet (2,195-199).
Tatsächlich
kann man
es
wenden, wie man will: Auswendiglernen ist die einzige 'Methode', mündliche
Überlieferungen einigermaßen zuverlässig zu bewahren. In ihrem Namen ... lag
für die Jünger bereits der Aufruf zum Lernen. Die Jünger waren ständige Hörer
der sich wiederholenden Lehrsummarien, die Jesus gab, und vernahmen immer
wieder die Aufrufe an den weiteren Hörerkreis: seine Worte zu bewahren. Sie
wußten auch in besonderer Weise um die Tragweite dieser Worte. Von Elternhaus,
Synagoge und Elementarschule her waren sie das Auswendiglerner gewohnt (2,440;
s.a. 2,444-449).
Dazu
benutzten die Jünger auch spezifische Memotechniken wie Wiederholen,
Kantillieren, Stichwortverbindung oder Einleitungsformeln, die sogar
experimentell verifiziert wurden (2,447-450):
Psycholinguistische
Experimente haben gezeigt, daß die Behältlichkeit eines Stückes erheblich
verbessert wird, wenn ihm ein relevanter Titel vorangestellt ist. Die
Einleitungsformeln der Gleichnisse Jesu vermochten diese Funktion zu erfüllen. In der urkirchlichen
Katechese ist der Prozeß der Formulierung von Überschriften noch
weitergegangen. So finden sich bei Matthäus auch schon zwei substantivische
Gleichnistitel(2,448-449).
Jesus selbst
forderte immer wieder zum Halten und Bewahren seiner Worte auf (2,443-448).
Auch merkt man den vom Aramäischen ins Griechische übersetzten Aussagen Jesu
die
Eigentümlichkeiten des semitischen Sprachgewandes an: die prägnante Knappheit
der Rede und ihre untheoretische, praktische Ausdrucksweise. Oft weitet diese
Bildhaftigkeit sich aus zu ausgesprochenen Gleichnissen, die ihre Bildwelt dem
Alltag entnehmen ... Die plastische Art dieser Redeweise prägt sich unmittelbar
ein." Man muß aber noch weitergehen: Viele Worte Jesu sind nicht nur in
einer allgemeinen Weise einprägsam, sondern zeichnen sich durch eine poetische
Formung aus, die nicht Zufall sein kann. Daraus muß man schließen, daß es sich
um "Gebrauchsformen" handelt, die von Jesus mit der ganz bewußten
Absicht des Memorierens geprägt wurden (2,359-361).
Eine
Parallele zu dem wortgenauen Tradieren der Worte Jesu finden wir in der ebenso
exakten Tradierung der Worte des als göttlich verehrten Epikur, der wie Jesus
seine Schüler zum Auswendiglernen seiner Worte aufforderte (2,441-442).
Die
Lebensgefährten Jesu erfüllten somit alle psychologischen und soziologischen
Bedingungen (des Geschützt-Seins von den medialen Überflutungen unserer Zeit),
um die Worte Jesu exakt zu behalten und zu tradieren:
Ein
moderner Erforscher mündlicher Überlieferung wie J. Vansina hat eine
Erkenntnis bestätigt, die man bereits bei Quintilian (Inst Orat XI 2,40)
nachlesen kann: Das menschliche Gedächtnis ist zu außergewöhnlichen
Tradierungsleistungen fähig, wenn 1) das Interesse an einer sorgfältigen
Überlieferung besteht und 2) das Memorieren eine ganz bewußt gepflegte Kunst
darstellt (2,450).
Die
Glaubwürdigkeit der Texte und damit auch der so gerne hinwegerklärten
mystisch-paranormalen Erlebnisse im Neuen Testament – und damit der langjährige
theologische Irrtum der Entmythologisierung – zeigen auch die Ergebnisse
ähnlicher Tradierungsprozesse in anderen Kulturen:
1973
bekamen in Argentinien Missionare Verbindung zu Guarani-Indianern, die bisher
noch keinerlei Kontakt mit der Außenwelt hatten. Dabei stellte sich heraus,
"daß sie eine mündliche Überlieferung des Evangeliums als 'religiöses
Eigentum' besitzen, die mit Sicherheit auf die Zeit des Jesuitenstaates in
Misiones im 18. Jahrhundert zurückgeht". Heutige irische Barden verfügen
ohne weiteres über ein Traditionsvolumen von über 100 000 Wörtern. Dagegen
beträgt der Umfang unseres Markus-Evangeliums 'nur' etwa 11 000 Wörter.
In
Xenophons 'Symposion' erzählt ein uns sonst unbekannter Nikoratos, daß ihn sein
Vater dazu anhielt, den ganzen Homer auswendig zu lernen. Im 6.
nachchristlichen Jahrhundert hat man diese Gedächtnisleistung fast erreicht,
indem die gesamte Ilias auswendig gelernt wurde. Besondere Memorierfähigkeiten
scheint Seneca Maior (ca. 55 v.-39 nChr.) besessen zu haben. Er ließ sich von
seinen Mitschülern je einen Vers vorsagen und vermochte dann, die über 200
Verse in umgekehrter Reihenfolge zu wiederholen. Dabei dürfte ihm allerdings
zugute gekommen sein, daß es sich meist um geläufige, in der Schule bereits
auswendig gelernte Worte handelte (2,451).
Damit
waren die jüdischen Tradierungsleistungen vergleichbar:
Von
einer außergewöhnlichen Gedächtnisleistung im Palästina der neutestamentlichen
Zeit berichtet Josephus: Kurz vor der Tempelzerstörung verlangten die
Tempelsänger, die Psalmen nicht mehr nach einer schriftlichen Vorlage singen
zu müssen, sondern auswendig rezitieren zu dürfen. Dieser Wunsch verrät eine
starke Schätzung mündlich beherrschter Texte.
Neben
der Gedächtniskapazität von Schulkindern weiß die rabbinische Überlieferung
auch viel Rühmliches über entsprechende Leistungen von Gelehrten zu berichten.
R. Me'ir soll, als in einem Ort der Provinz Asia eine Ester-Rolle
fehlte, diese aus dem Gedächtnis niedergeschrieben haben. Damit ist
gleichzeitig vorausgesetzt, daß er den gesamten Pentateuch und auch die
Propheten im Gedächtnis hatte. Von Juden seiner Zeit, die solche Fähigkeiten
besaßen, berichtet Eusebius. R. Zera soll sogar den ganzen babylonischen Talmud
auswendig beherrscht haben. Die überragende Bibelkenntnis der Rabbinen zeigt
sich auch daran, daß alttestamentliche Zitate im Talmud meist nicht als solche
gekennzeichnet sind, was voraussetzt, daß sie identifiziert werden konnten.
Die Varianten in den Ben-Sira-Zitaten amoräischer Rabbinen legen nahe, daß
dieses Buch nach der Bannung seiner Verlesung durch Akiba in der Hauptsache
mündlich weitergegeben wurde.
Zu
besonderen Tradierungsleistungen brachte es innerhalb des Rabbinats die Gruppe
... berufsmäßigen Tradenten. R. Nachman b. Jicchag konnte einen von ihnen, der
Mischna, Sifra und Sifre auswendig beherrschte, einen "Korb voller
Bücher" nennen ...
Aus
Ostraka läßt sich entnehmen, daß es in der koptischen Kirche zu den Bedingungen
für die Zulassung zur Diakonenweihe gehörte, mindestens ein Evangelium
auswendig zu können. Von daher werden Berichte über die außergewöhnlichen
Gedächtnisleistungen von Mönchen glaubhaft. So wird etwa von einem in der
Historia Lausiaca 26 berichtet, daß er nicht nur das Lukas-Evangelium, sondern
auch die Sprüche Salomos, die Propheten Jesaja und Jeremia, den Hebräerbrief
und eine Reihe von Psalmen aufsagen konnte. Bei den Kirchenvätern "ist
sehr oft schwierig zu entscheiden, ob ein altchristlicher Schriftsteller das
ihm selbstverständlich gedächtnismäßig vollständig präsente Neue Testament
einfach aus der Erinnerung zitiert oder ob er die von ihm regelmäßig benutzte
Handschrift dazu aufgeschlagen hat" (2,451-452).
Riesner
kommt somit zu Recht zu dem Schluß, dass das o.g.
Belegmaterial
... eine ... Gleichsetzung von mündlicher Überlieferung und Legende unmögliche
mache, wie sie Bultmann vornahm (2,453).
Diesen
Schluß vertritt der Heidelberger Theologe Berger mit einer modernen
(Mystik-)erfahrungsorientierten Theologie, die die Reduktion des Neuen
Testaments auf den theoretischen Wissensstand und das reduktionistische
(Bultmannsche) Weltbild der Theologen hinter sich lässt, in psychologisch
sinnvoller größter Deutlichkeit:
Bestimmte
Forscher ... erklärten Texte, die aufgeklärte Zeitgenossen peinlich berühren
könnten, kurzerhand zu Legenden und machten die nachösterliche Gemeinde dafür
verantwortlich, dass aus Jesus eine Art Gott wurde. Das machte Jesus kleiner ‑
ein gewöhnlicher Mensch, der weniger gesagt und weniger getan hat, als das Neue
Testament berichtet. Die Berichte über Jesus wurden ihrer Pointe beraubt,
wurden witz‑ und salzlos. Und die Person Jesus selbst schrumpfte in sich
zusammen. Es lief immer nach dem Schema: »Er ist im Grunde genommen ..., er ist
nichts anderes als ein ...«, wobei man die Auslassung variabel ergänzen konnte
(1,13-14).
Warum
sollten wir nicht annehmen, dass die Texte des frühen Christentums in Fühlweite
waren, dass sie Jesus authentischer verstanden als ein hegelianisch geschulter
Professor des 19. Jahrhunderts? (1,15)
Von
allen Emblemen, die durch die Wissenschaftsgeschichte der Schriftauslegung
getragen werden, wurden mir mit den Jahren die Termini »Osterglaube« und
»nachösterlich« immer fraglicher. Man findet sie tausendfach in Artikeln,
Büchern, Reden, Predigten. Gemeint ist damit, dass ein wesentlicher Teil der
neutestamentlichen Berichte über Jesus als pure Erfindung der Gemeinde nach
Ostern zu gelten habe. Jesus könne dieses oder jenes, was wir von den Evangelisten
überliefert bekommen haben, gar nicht gesagt, getan, gedacht, gewusst haben.
Dieses Wort da sei »mit Sicherheit« eine »nachösterliche Eintragung«, eine
Korrektur »im Licht des Osterglaubens«. Bei so viel Sicherheit steigt die
Gewissheit meiner Skepsis. Ebenso fraglich wurden mir alle Kriterien, die es
angeblich möglich machen, echte von unechten Jesusworten zu scheiden. Und was
ist dann mit den »echten«? Gibt es dann Jesusworte erster und zweiter Klasse?
Und wer hat darüber zu befinden? Und was ist mit den Worten Jesu, die durch den
Rost des common Sense der
Forschergemeinde fallen (wobei es genau in der Frage der ipsissima verba Jesu einen common
Sense nicht gibt)?. Am besten aus der Bibel tilgen? Immer mehr wurde die
etablierte Forschung als ein kompaktes System ... Gegenstand kritischer Anfrage
1,22).
»Wenn
dieses oder jenes Jesuswort echt wäre, was könnte uns das dann unter Umständen
sagen?« ‑ Fragen dieser Klasse interessieren ... nicht mehr. Das war die
Moderne (1,14)
Es sei
falsch – und vorbei - , so Berger,
dass
man die Gestalt Jesu ein ums andere Mal vor das Gericht der kritischen Vernunft
zitiert, um die historischen Alibis des Angeklagten zu bewerten. Jesus versteht
man eben nicht nur mit dem Kopf. Wer etwas von ihm wissen will, muss sich auf
die kongeniale Erkenntnisweise der Mystik einlassen (1,16).
Unter Theologen gibt es nicht nur »good guys« und
»bad guys« es gibt auch »good words« und »bad words«, ungeliebte Texte in der Heiligen
Schrift, denen man als Exeget besser aus dem Weg geht. Gerade diese Texte
wurden für mich zu einem wichtigen Abschnitt meiner Begegnung mit Jesus
Christus. Ungeliebt sind alle Texte, in denen beispielsweise Engel vorkommen
(von Mariä Verkündigung bis zum leeren Grab und zur Himmelfahrt), die
»steilen«, nicht naturalistisch erklärbaren Wunder, jedes Einwirken Gottes in
der Welt, Auferstehung und Wiederkunft Jesu Christi, alle »kirchengründenden«
Texte der Evangelien usw. Unter mystischen Fakten verstehe ich eine Anzahl von
Geschehnissen der geschilderten Art. Sie sind mystisch, weil sie ihrer Ursache
und dem Zustandekommen nach auch für frühe Christen verborgen waren und in
dieser Hinsicht in den Bereich der unsichtbaren Wirklichkeit Gottes (oder auch
des Teufels) gehörten. Mystisch ist das Verborgene, Unsichtbare, für den
Verstand nicht Evidente (1,23).
Für alle
Engel- und Verstorbenenerscheinungen des Neuen Testaments gelten somit unter
diesem erkenntnistheoretischen Ansatz:
Eine
Theologie, die das Wunderbare von vornherein ausschließt, weil sie Gott
gebietet, ausschließlich im Rahmen der kantianischen Vernunftkritik zu
operieren, wird sich hier verabschieden (1,56).
Das
Erkenntnisprinzip der postmodernen Theologie heißt somit nach Berger:
Nicht
wir kritisieren den Text und rücken
ihn für unsere Bedürfnisse zurecht, der
Text kritisiert uns (1,14)
Somit müssen die neutestamentlichen Erscheinungs-Berichte aufgrund
ihrer Ähnlichkeit mit den aus der Parapsychologie bekannten
Spuk-Erscheinungen und den NDEs - als
den weltweit häufigsten religiösen Erfahrungen, die zu allen Zeiten und
Kulturen aus den gleichen Grundelementen bestehen - , als Darstellungen realer
Erfahrungen gelesen werden:
Wir setzen voraus: Es gibt mehrere Bereiche der Wirklichkeit und
entsprechend mehrere Arten von Fakten. Die Kriterien für das, was »wahr« oder
»Faktum« ist, sind je unterschiedlich. Ich vertrete die These: Was hier
mystische Fakten genannt wird, sind wirkliche Ereignisse, und ihnen entsprechen
bestimmte Erfahrungen. Diese Fakten sind nicht privat, subjektiv, irrational,
eingebildet oder halluzinativ (krankhaft). Ihre Voraussetzungen sind bis zu
einem gewissen Grad machbar, sie selbst jedoch werden dem Menschen geschenkt
(1,24).
Dementsprechend
gilt für die im folgenden untersuchten neutestamentlichen Texte Bergers
statement voll und ganz:
Die mystischen Berichte (Visionen, Engelerscheinungen, Ostervisionen
etc.) der Evangelien sind auf eine besondere Weise historisch wahr, d.h. sie
stehen an der Grenze historischer Faktizität. Eine Untersuchung der Welt‑
und Erlebnisstruktur dieser Berichte lässt ausschließen, dass es sich um nur
private, subjektive oder krankhafte Erfahrungen handelt. Vielmehr haben wir es
wohl mit einem eigenständigen Bereich der Wirklichkeit zu tun, der auch
konkrete Auswirkungen in Raum und Zeit haben kann (1,52).
Damit sind
wir auch schon bei den Engelerscheinungen, die zu Beginn des Neuen Testaments
(NT) in Lukas 2,8-20 den Hirten und in Lk 1,26-38 Maria die Geburt Jesu
(ähnlich wie zuvor dem diesbezüglich ungläubigen Zacharias die Geburt Johannes
des Täufers, s. Lk 1,5-15) ankündigten. Joseph erscheinen Engel – ähnlich wie
die Lichtwesen im NDE – mehrfach im Traum (Mt 1,20; 2,13.19), der als typischer
veränderter Wachbewusstseinszustand auch heutzutage außersinnliche
Wahrnehmungen (23) und NDE-Elemente (31) enthalten kann – was für die
Glaubwürdigkeit dieser Engel-Erscheinungen im NT spricht.
Im Gegensatz
zu den NDEs erscheinen die – wie im NDE leuchtend hellen - Engel im Neuen
Testament jedoch häufig mehreren Menschen (wie zum Beispiel von den Hirten auf dem
Feld) gleichzeitig und verkünden Inhalte (wie die Geburt Jesu und Johannes des
Täufers), von denen die Erlebenden nichts wissen konnten; sie implizieren also
außersinnliche Wahrnehmungen (ASW) (Lk 2,8-20).
Interessanterweise
werden auch Jesu konkrete Aussagen zu den Engeln – und zum Leben nach dem Tod -
durch die Nah-Toderfahrungen bestätigt:
Denn
in der Auferstehung werden sie weder heiraten noch sich heiraten lassen,
sondern sie sind wie Engel im Himmel (Mt 24,30)
Genau das
haben die NDEs gezeigt: In ihnen spielt Sexualität keine Rolle, die Menschen
sind personal erkennbare Geist- bzw. Lichtwesen aus Energie ähnlich den Engeln
im Neuen Testament, die deutliche Ähnlichkeit mit den religiösen Lichtwesen in
den NDEs aufweisen (31).
Auch das
biblische Gleichnis vom armen Larzarus und vom reichen Mann läßt Ähnlichkeiten
mit Sterbeerfahrungen bzw. Schlüsse auf das Leben nach dem Tod zu. So haben die
beiden Hauptpersonen dieser Beschreibung einen Zweitkörper, mit dem sie als das
jeweilige Individuum zu identifizieren sind. In patristischen Kommentaren wurde
dann auch daraus abgeleitet, daß die Seele dem Körper ähnelt (37). Die Art des
Lebens nach dem Tod wiederum ist abhängig von der Aussaat im diesseitigen
Leben; diese wird nach Altem und Neuem Testament – ähnlich dem NDE-Lebensfilm
- in einem Lebensbuch aufgezeichnet
(Exodus 32,32-33, Deut. 7,10, Lukas 10,20, Phil.4,3 und in der
Johannes-Offenbarung 20,12.15; s. a. 37):
Die Bewertung der Taten im Lebensfilm erinnert an
die neutestamentliche Überzeugung, dass der Mensch für sein Tun und Lassen zur
Rechenschaft gezogen wird, z. B. Gal 6,7: „Was der Mensch sät, das wird er
ernten" (vgl. auch das Gleichnis vom großen Endgericht in Mt 25,31‑45).
Kriterium für die Bewertung des Lebens ist die Liebe, die dem Nächsten Gutes
tut. In der Hochschätzung der Liebe kommen die Aussagen der Experiencer dem NT
besonders nahe ...
... der Lebensfilm macht klar: Was der Mensch in
seinem Leben je gedacht und getan hat, ist nicht vergessen und ausgelöscht,
sondern kann ihm wieder vor Augen geführt werden. Damit wird das Urteil Gottes
aber nicht vorweggenommen. Er hat das letzte Wort und ist der Richter",
aber noch mehr wie ein barmherziger Vater. Moody selbst findet in dem
Lebensfilm und der damit verbundenen Bewertung nichts Endgültiges entschieden,
sondern schreibt: „Ein jüngstes Gericht kann es sehr wohl geben. Todesnähe‑Erlebnisse
besagen jedenfalls nichts Gegenteiliges." (39)
Da auch von
Menschen induzierte Psychokinese, also die Bewegung von Materie, durch
parapsychologische Untersuchungen nachgewiesen ist (17), sollte eine solche
Leistung in größerem Umfang auch Gott und seinen Engeln möglich sein – was
wiederum die Jungfrauengeburt Jesu erklären kann:
Mystische
Theologie, die mit dem Wunder rechnet und mit der Möglichkeit realer Einbrüche
des Göttlich‑Anderen in die Normalität der Welt, wird sich offen
verhalten gegenüber dem, was wohl von Maria selbst als Wirklichkeitserfahrung
beschrieben, von den Jüngern geglaubt und in seinen theologischen Folgen
bedacht wurde ... Hier bedeutet die Entstehung Jesu durch den Heiligen Geist:
Der große, unfassbare Gott kommt den Menschen, diesem Mädchen aus Palästina, so
nahe, dass diese Nähe die physische Entstehung eines lebendigen Menschen
bedeutet ... Das zugrunde liegende historische Ereignis muss man wohl ein ein
mystisch‑ekstatisches Widerfahrnis nennen. Das heißt zumindest: Maria hat
eine Vision des Engels Gottes, deren Macht so groß ist, dass sie daraufhin
schwanger ist (1,55).
Dass es für
Jungfrauen-Geburt Jesu keine immens großen psychokinetischen Effekte bedarf,
zeigt die moderne Gynäkologie: 10%-20%
aller gutartigen Ovarialtumore enthalten Anteile eines Kindes wie Haare, Zähne
und Knochen, die ohne Befruchtung allein entstanden sind (34). Auch konnte man
experimentell bei Kaninchen allein schon durch elektrische Feldveränderungen
Eizellen zur Teilung bringen – und nach Implantation entwickelten sich daraus
in 60% normale Feten (35).
Tatsächlich
ist die Existenz von Hölle und Dämonen für das NT unbezweifelbar. So spricht
z.B. die Offenbarung Johannes explizit von der Hölle (Offb 19,20; 20,10). Berger schreibt zur Frage der Existenz von
Hölle und Dämonen:
Die
Entpersonalisierung des so genannten Bösen (das Böse als eine Qualität an etwas
zu betrachten, es nicht als Person zu denken), wie es Herbert Haag und eine
Reihe anderer Theologen vorschlagen, wird der Erfahrung nicht gerecht, dass dem
Bösen eine besondere Intelligenz zu Eigen ist, die Infamie und Tücke bedeutet.
Das Böse ist mehr als die Folge des Missbrauchs menschlicher Freiheit. Daher
hat der Böse personhafte Strukturen, ähnlich wie der Schöpfergott selbst auch;
nur sind sie schwächer ausgebildet, da der Böse nicht Schöpfer, nur Zerstörer
ist. Es greift einfach zu kurz, wenn wir beim Bösen nur an Verstöße gegen
abstrakte Regelhaftigkeit denken. Das Böse ist nicht nur Übertretung von
Geboten und Regeln, sondern es ist in der Erfahrung von Menschen packende
Gewalt von außen, ist tückische, hinterhältige, raffinierte, suchtgefährdende
Macht. Wenn man das bedenkt, kann man eher von personhaften Zügen sprechen.
Dabei geht es hier — ich möchte es noch einmal betonen — nicht um den modernen
Personbegriff, sondern um den antiken, der vor den Konzilien des 4. und 5.
Jahrhunderts galt. Die Pluripersonalität der Dämonen (dass sie »viele« sind) –
auch das sei erwähnt – ist meines Erachtens nicht im Sinne eines verkappt
polytheistischen »naiven« Volksglaubens zu werten, sondern – ähnlich wie bei
den Engeln – als differenzierte Erfahrung von Macht und Mächten (1, 250).
Doch kommen
wir nun zu den viel häufigeren neutestamentlichen Schilderungen von
Erfahrungen, die den positiven Nah-Toderlebnissen mehr noch als die
Engelerscheinungen ähneln, so dass sie allein dadurch schon glaubwürdig sind.
Dazu zählt zum Beispiel die Erfahrung auf dem
„Berg der Verklärung“ (Mt 17,1-9)
In
diesem Erleben kommt es – nach einem mit
dem Ziel eines besonderen Gebets erfolgten Besteigen eines hohen Berges (s. Lk 9,28-29),
das somit ein religiöses setting darstellt - in somit relativer sensorischer
Deprivation (als einer Form der Induktion veränderter Wachbewusstseinszustände)
zur Verwandlung des betenden Jesus in ein
Lichtwesen mit leuchtendem Gesicht und einem Lichtkörper. Möglicherweise aus
dieser Erfahrung abgeleitet wird später die Ähnlichkeit zwischen dem verklärten
Leib Jesu und dem nachtodlichen Körper des Menschen noch einmal betont (Phil
3,20-21; 1 Kor 15,35-49).
Solch einen
Lichtkörper kennen wir auch von den NDEs. Wie in den NDEs wird auch auf dem
Berg der Verklärung das Licht als heller als jedes bekannte Licht beschrieben
(Mk 9,3). Dann erscheinen – wie auch häufig in den NDEs – (zwei) Verstorbene.
Diese reden mit Jesus präkognitiv über seinen bevorstehenden qualvollen Tod,
was das zur NDE-Auslösung passende religiöse setting vervollständigt (Lk
9,30-31).
Dass die
beteiligten Menschen sich bei diesem Erleben in einem (hypnagog) veränderten
Wachbewusstsein befanden, zeigt sich in der Paralle in Lukas mit dem Hinweis
auf den Schlafzustand und auf das Nicht-Wissen von dem, was Petrus dabei sprach
(Lk 9,32-33).
Petrus
erlebt diese Lichtwelt und Lichtwesen – wie die NDEr die lichtvollen positiven NDEs
– dabei als so herrlich, dass er wie viele NDEr nicht mehr in die
Alltagsrealität zurück, sondern dort bleiben will. Dann kommt es zu einer
weiteren Lichtwesen-Erscheinung in Form einer Lichtwolke, aus der eine
religiöse Kraft/Macht (Gott) spricht; die Jünger erschrecken dabei (was bei
vielen paranormalen Erscheinungen der Fall ist).
Hier und bei
dem Damaskus-Erleben des Saulus erscheint Gott direkt als Licht.
Interessanterweise wird im NT häufiger
mit dem Begriff „Licht" .. metaphorisch
umschrieben, wie Christus ist bzw. was er tut und wie seine Gefolgsleute sein
sollen. „Ihr seid das Licht der Welt" sagt Jesus seinen Hörern in der
Bergpredigt (Mt 5,14) und meint ein Verhalten, das ein „leuchtendes
Vorbild" für andere sein soll.44 In ähnlichem Sinne (metaphorisch) ist
auch ]oh 8,12 (Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt) zu verstehen sowie
der Johannesprolog (Joh 1,9: Jesus ist das Licht, das die Menschen erleuchtet).
In diesen Fällen dient das irdische Licht als Metapher dafür, wie Christus ist
bzw. wie die Christen sein sollen. „Licht" zu sein, wird in 1 . Job 1,5
Gott selber zugeschrieben: Gott ist Licht, und Finsternis ist in keiner Weise
in ihm ... Die Lichtmetaphorik ist besonders in den johanneischen Schriften ein
beliebtes Motiv...
Mit NDE vergleichen lassen sich Texte im NT, die
„Licht" in symbolischer Weise als Kennzeichen einer transzendenten
göttlichen Sphäre erscheinen lassen. Dass Gott in einem Licht wohnt, dem keiner
nahen kann (1. Tim 6,16), umschreibt ‑ auf den Bahnen uralter Symbolik ‑
den „Bereich" Gottes, der wie blendendes Licht unnahbar ist. Anderen
Texten liegen visionäre Lichterfahrungen zu Grunde und haben als solche eine
stärkere Affinität zur NDE ... (39)
Auf diese visionären mystischen (Licht-)Erfahrungen im NT zentriert
sich meine Arbeit. Dennoch zeigt sich insgesamt aber:
Die Lichterfahrung bei NDE ist zunächst einmal
etwas anderes als das sprachliche Mittel der Lichtmetaphorik, wenngleich die
Inhalte dieser Erfahrung einigen Glaubensaussagen aus der Lichtmetaphorik (Gott
als grenzenlose Liebe etc.) dann wieder recht nahe kommen (39).
So ist
(nicht nur) die biblische
Metaphorik ... ein individuelles Stilmittel, bei
dem ein gemeinter ‑ meist abstrakter Sachverhalt auf verfremdete, meist
bildliche Weise dargestellt wird. Zwischen dem Bild und dem Sinn besteht eine
Analogie. Beide haben etwas gemeinsam.46 Darin gleichen sich Metapher und
Symbol, denn es besteht ebenfalls eine Analogie zwischen dem Symbol und dem
Symbolisierten ...
Dies wiederum erklärt die varianten
Ausgestaltungen der NDE-Elemente in den NDEs, die insgesamt jedoch eine
deutliche Parallele in den neutestamentlichen Erfahrungen UND metaphorischen
Texten haben:
Im Verständnis von Gott als einer Kraft, die
unendliche Liebe ausströmt, kommen sich Erfahrungen bei NDE und Aussagen (und
Erfahrungen, m.Z.) im NT jedenfalls erstaunlich nahe (39).
Doch kommen
wir wieder zurück zu dem Verklärungserleben. Im Gegensatz zu den meisten NDEs
handelt es sich bei diesem neutestamentlichen Bericht um ein den sog. shared
near-death experiences (40) ähnelndes Erlebnis, da es von drei Lebenden
gleichzeitig erlebt und so von einer subjektiven, intraindividuellen zu einer
objektiven, von allen (vier) Anwesenden geteilten Wirklichkeit wird.
Verifizierende Bedeutung hat in diesem Fall auch die - auch von wenigen
Buddhisten beschriebene -
(psychokinetische?) Tatsache, dass Jesus seinen materiellen Körper
kontrolliert in einen immateriellen Lichtkörper verwandeln und somit
anscheinend selbstständig vom physischen in einen energetischen Zustand (und
zurück) wechseln konnte. Dies ist als Hinweis auf seine jederzeitige
Beherrschung der Naturgesetze, seine Herrschaft auch über Tod und Sterben und
damit auf seine Gottessohnesschaft zu erklären. Die Stuttgarter Erklärungsbibel
umschreibt das in ihrer Weise:
Die
drei erwählten Jünger werden Zeugen der Macht und Herrlichkeit, die Jesus von Gott
her zuteil werden wird (und ihm jetzt schon verborgen zu eigen ist), weil er
den Weg in den Tod beschreitet (38).
Berger
wiederum kommentiert die Verklärung Jesu noch prägnanter auf dem Stand
modernster Kenntnisse:
Die moderne Exegese hat kein Verhältnis zum Bericht über
die Verklärung Jesu (Mk 9,2-9 par.), weil sie glaubt, Jesus, ihren Gegenstand,
unter Ausschluss von Mystik begreifen zu können, weil sie überhaupt hilflos vor
den Kategorien Mystik und mystischer Erfahrung steht. Dabei verstehe ich unter
dem, was sich durch »Mystik« an Wirklichkeit erschließt, nichts Krankes, nichts
bloß Privates oder Eingebildetes, sondern etwas Objektives, das freilich weder
allgemein zugänglich noch objektiv nachprüfbar oder wiederholbar ist. Mystik
geht von der begründeten Annahme aus, dass die Wirklichkeit umfassender ist
als sie (natur-)
wissenschaftlich feststellbar ist. Mystik ist die Definition der Welt unter
Einschluss der Existenz Gottes und der Annahme der Möglichkeit von Interaktion
mit allen »Personen« und Mächten der unsichtbaren Welt. Mystik geschieht Tag
für Tag millionenfach (IN FORM DER NAH-TODESERFAHRUNGEN, mein Zusatz), wenn
Menschen beten, an Erhörung der Gebete glauben, wenn sie sich im Leben
geführt, geschützt und getröstet wissen. Mystik nennt man den Kontakt mit
»Personen« der unsichtbaren Welt Gottes (oder der Gegenseite), hier bei der
Verklärungsszene in der klassischen Gestalt der drei Stadien: Vision,
Zwischenszene mit Betonung der Unbegreiflichkeit und Audition. Es ist unmöglich
Jesus unter Ausschluss der mystischen Dimension gerecht zu werden - weil Jesus
Sohn Gottes ist, gehört er nach dieser Seite seines Wesens zur himmlischen
Welt. Und so brach - mystisch betrachtet - aus Jesu Leib auch zeit seines
Erdenlebens immer wieder einmal die göttliche, das heißt: verwandelte
Leibhaftigkeit hervor, so auch beim Gehen auf dem Meer (1,68-69).
Die Wirklichkeit hat eine mystische Dimension - eine
Dimension, die nicht sozialgeschichtlich reduzierbar ist, eine eigenständige
Dimension, für die eigene Kriterien und Regeln gelten. Die theologische Mitte
des Evangeliums nach Markus ist die Verklärung Jesu, denn sie bestätigt vom
Himmel her den Anspruch Jesu nach dem Petrusbekenntnis. Die Forschung liebt
diesen Bericht nicht gerade und betrachtet ihn als fehlplatzierte Ostergeschichte.
Ich halte diese Deutung für unbegründet und gewaltsam. Die Verklärung Jesu ist
eine typische mystische Erfahrung. Weil sie mit neuzeitlichen Mitteln nicht
rekonstruierbar ist, darf man sie dennoch nicht auf einen symbolischen Gehalt
reduzieren. Erfahrungsgemäß gilt: Sobald man mit einer Reduktion beginnt,
kommt kein Ende in Sicht. Man kann die Verklärung reduzieren auf die Aussage,
gemeint sei der Glaube an Jesus als Sohn Gottes. Man reduziert weiter und
sagt: Gemeint ist nur, dass er ein guter Mensch war. Oder man kann auch das auf
seine symbolische Bedeutung reduzieren, und dann heißt es: Gott liebt alle
Menschen, denn da steht ja: »Dieser ist mein geliebter Sohn.« Oder sollten wir
nicht gleich sagen: »Liebe ist etwas Göttliches«? Und damit wären wir dann
endlich bei Weisheiten, die dem allgemeinen Bildungsstand in religiösen Dingen
entsprechen. So hilft es am Ende nur, den Bericht über die Verklärung so zu
akzeptieren, wie er dasteht, als mystische Erfahrung mitten im Leben Jesu
(1,69).
...
Die Verklärung ist daher nicht irgendein abwegiges
mystisches Geschehnis am Rande, sondern sie ist der zentrale Ort der Selbsteröffnung
Gottes; hier erscheint sein Wille; hier wird höchste Verbindlichkeit
eingefordert. Sie ist daher die Mitte des Evangeliums nach Markus, die Achse,
um die sich alles dreht. Davon legt die berühmte Verklärungsikone der Ostkirche
Zeugnis ab. Der monastischen Spiritualität der Ostkirche war die
Lichterfahrung auf dem Berg ein durchaus plausibles Ereignis. Es wird der
Beitrag künftiger Exegese sein, die mystischen Traditionen der Bibel
wiederzuentdecken und sie nicht systematisch beiseite zu schieben. Denn hier
geht es nicht um merkwürdige Jüngerfantasien, sondern um den Einbruch der
Wirklichkeit Gottes in und an der Person Jesu. Und genau das ist die Mitte der
Evangelien. Jede Ermäßigung dieses Berichtes ist daher unangebracht (1,71).
...
Und
es gibt bei der Verklärung auch eine entsprechende Erfahrung mit Jesu Leib auf
dem Berg. Kein normaler Leib wird verklärt und leuchtet heller als ein Walker
einen Stoff entfärben kann. Hier stehen die Dinge wieder Spitz auf Knopf:
Entweder man bekennt sich zur Normativität moderner amystischer
Alltagserfahrung und postuliert, dass es ein Durchbrechen der Naturgesetze
schlechterdings (infolgedessen auch in der Bibel) nicht geben kann, oder man
achtet den offenen mystischen Kontext Jesu und setzt sich damit der
‚peinlichen' Möglichkeit aus, Jesus könne tatsächlich auch vor Ostern getan
haben, was von dem Leib des Auferstandenen nach Ostern bezeugt wird, dass er
durch Türen gehen und mit einem Mal verschwinden konnte. Warum soll es nicht
auch schon vor Ostern ähnliche Phänomene geben? Vielleicht bricht in Jesu Leib
in besonderen Offenbarungsszenen etwas durch, das man sehen und erfahren
konnte. Offensichtlich wirkt Jesus nicht nur als Prediger mit Exorzismen und
Wundern, sondern auch durch und mit seinem Leib. Nur das Erste kennen wir
etwas, bei den Wundern winken viele schon ab, aber mit Jesu Leib. an dem seine
Gottessohnschaft offenbar wird und „durchbricht“, hat sich noch niemand so
recht beschäftigt. Denn wir haben immer betont, Jesus sei wahrer Mensch. Aber
wenn er wahrer Gott ist, dann hat auch Jesu Sich-Offenbaren durch seinen Leib
einen besonderen Stellenwert (1,81-82).
Tatsächlich
stellt Jesus selbst – wie viele NDEr - den Zusammenhang zwischen diesen
NDE-ähnlichen, aber von mehreren Lebenden gleichzeitig erlebten Erscheinungen
und dem Leben nach dem Tod her, indem er nach dem Abstieg vom Berg sagte:
Ihr
sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den
Toten auferstanden ist (Mt 17,9)
Für die drei
anwesenden Jünger war dieses Erleben dann auch de facto eine Vorwegnahme der
späteren Auferstehung Jesu von den Toten mit seinem spukhaften Erscheinen vor
verschiedensten Zeugen.
Diese
Erscheinungen begannen mit den NDE-ähnlichen Lichtwesen (mit glänzenden
Kleidern), die den Frauen das leere Grab erklärten (Lukas 24,1-12). In der
Parallele Mt 28,1-7 sind es die Engel selbst, die den Grabstein wegwälzen; es
kommt also im Vergleich zu den NDEs wiederum zu einem Mehr an Verifikation,
nämlich einer der Psychokinese vergleichbaren Bewegung von Materie.
Eine weitere
Parallele zur heutigen Wirklichkeit macht diese Erzählung besonders glaubwürdig:
So wie heutzutage auch noch die NDEs (oder alle paranormalen Phänomene wie z.B.
der Spuk) hinwegerklärt oder angezweifelt werden, so haben selbst die Jünger
Jesu damals noch auf die ersten Erscheinungsberichte mit Unglauben reagiert.
Diese Erscheinungen fanden in den nächsten Tagen jedoch gehäuft statt und
überschritten in ihrer Phänomenologie weit das Maß heutiger Spukberichte, die
(zumindest beim ortsgebundenen Spuk) oft ebenfalls als Erscheinungen
Verstorbener imponieren. Auch im Fall der Emmaus-Jünger hat das plötzliche
Auftreten und Verschwinden Jesu (Mk 16,13-35) seine Parallelen in den
Spukberichten der Parapsychologie (15; 16; 26; 30).
Hier schon
wird deutlich, dass erst die Erscheinungen Jesu Ursache des
Auferstehungsglaubens der ersten Christen werden. Diese Erscheinungen
übertreffen im folgenden aber alle bekannten Spukphänomene, indem sie
„materiell fassbar“ werden, weil NUR Jesus als Gottes Sohn bei seinen
Erscheinungen – wie auf dem Berg der Verklärung - seinen Körperzustand von
einem energetischen in einen physikalischen umwandeln und wieder einen
physischen Körper annehmen kann (Lk 24,36-46).
Für die hier
erfahrene auch leibliche Auferstehung Jesu von den Toten gelten auch Bergers
Worte zu den Totenauferweckungen Jesu:
Bei
Wundern von der Art der in Joh 11 berichteten Totenerweckung wird die Abfolge
von Ursache und Wirkung aufgehoben. Das Ärgernis hat daher einen »Namen«. Es
entspricht durchaus dieser Richtung des Berichts, wenn Jesus von sich sagt, er
sei »die Auferstehung« selbst - und zwar
in Person. Das ist, wie wenn zu uns jemand sagte, er sei nicht nur »Präsident
der Weltbank«, sondern vielmehr »die Weltbank selbst«. Das bedeutet nichts
Geringeres als dass Jesus sagt, er sei Gott selbst. Denn wenn wir durch Gott
auferstehen, wenn er uns auferweckt, dann ist in Jesus nicht mehr und nicht
weniger als dieser Gott anzutreffen (1,94).
Zu solchen physischen Erscheinungen
Jesu kommt es nach seinem Tod immer wieder (z.B. Joh 21,1-14). Jesus wollte
seine Auferstehung selbst dem Ungläubigsten (Thomas) beweisen und so einen
festen Glauben an ein Leben nach dem Tod wecken (Joh 20,24-29).
Auch die
modernen Bibelkommentare erkennen, dass allein die reale Erfahrung der
Auferstehung Jesu durch seine Erscheinungen Triebkraft zur Gründung des Christentums
war:
Tatsächlich
beruht der Glaube an Jesu Auferstehung nach den neutestamentlichen Zeugnissen
grundlegend auf dem Erscheinen des Auferstandenen, nicht auf dem Faktum des
leeren Grabes. Die entscheidende Ersterscheinung ist nach der ältesten erreichbaren
Tradition Simon Petrus zuteil geworden (vgl. 1Kor 15,5; ferner Lk 24,34; Mk
16,7 (38)
Petrus, der
Leiter der ersten Christen, betont die Bedeutung der nachtodlichen
Erscheinungen Jesu für den Glauben der ersten Christen ganz besonders (1 Kor 15,1-8).
Die
psychologische Bedeutung der Auferstehung Jesu für die Gründung des
christlichen Glaubens und seinen Bestand auch heute noch ist immens:
Ohne
Auferstehung des Menschensohnes bliebe auch unser Leben ein sinnloses Chaos,
die Erde ein unbegreifliches Massengrab und unser Geborensein ein Verbrechen,
auf das die Todesstrafe gesetzt ist. Verstanden und bejaht werden kann das
Leben nur im Lichte der Auferstehung Jesu Christi (1,116).
Jesus selbst
prognostizierte einem Sterbenden auch eine Auferstehung in einem
Paradies-Erleben; möglicherweise lassen sich diese seine Worte zum Schächer am
Kreuz somit als Hinweis auf ein diesem bevorstehenden Nah-Toderlebnis verstehen
(Lk
23,39-43).
Einen
Hinweis auf die Bedeutung dieser Worte vom Erleben des Paradieses liefert auch
das sogar zeitlich und auf eine bestimmte Person festgelegte NDE, das Paulus
selbst schildert (2.Korinther 12,2-4).
Erst die späteren Verehrer des Paulus schmückten diese Geschichte dann ihren
jeweiligen Jenseitsvorstellungen entsprechend groß aus und erzählten viele
Einzelheiten von Paulus' vermeintlicher Himmels- und Höllenschau (36).
Noch
bekannter ist aber die Bekehrungs-Vision
des ehemaligen Saulus zum Paulus auf dem Weg nach Damaskus (Apg 9,1-9), die ebenfalls viele
NDE-Elemente enthält. Anschließend hatte Paulus noch eine PRÄKOGNITIVE Vision
von Hananias, der ihm die Hände auflegte und ihn so wieder sehend machte;
letzterer hatte eine entsprechende Erscheinung, die ihm in Form einer
außersinnlichen Informationsübermittlung den Aufenthaltsort von Paulus
mitteilte, dem er die Hände auflegen sollte, damit er wieder sehend würde (Apg
9,10-19).
Hier fallen
typische NDE-Elemente auf: Ein himmlisches Licht, das Paulus später noch als
ein Licht
vom
Himmel her ..., das den Glanz der Sonne übertraf (Apg 26,13)
bezeichnet,
das Hören einer Stimme einer religiösen Figur, eine von dieser vermittelte
Präkognition einer weiteren Vision, die sich beide erfüllten. Diese deutliche
NDE-Ähnlichkeit spricht für die Echtheit und damit für die Historizität dieses
Ereignisses, zumal NDE-Elemente bekanntermaßen zuweilen unter Streß auftreten
und hier auch ein religiöses setting bestand, da der religiös sehr engagierte
Saulus in großem Eifer auf dem Weg nach Damaskus war, um Christen
gefangenzunehmen.
Besonders
aber die Auswirkung dieses Erlebens in Form einer Konversion von einem
strenggläubigen Juden zum Christen spricht für die Echtheit dieser Erfahrung.
Tatsächlich stellte Paulus selbst in einer öffentlichen Rede diese NDE-ähnliche
Erfahrung als Grund für seinen Abfall vom Judentum bzw. seine Konversion zum
Christentum dar, als er vor das jüdische Volk trat, nachdem er von den Juden
angegriffen und den Römern zur Geißelung ausgeliefert worden war (Apg 21,1-16).
Interessanterweise
kam es danach zu einer weiteren „Verzückung“ mit einer Jesus-Vision, von der
Paulus ebenfalls öffentlich berichtete und somit ein weiteres Mal seine
NDE-ähnlichen Visionen zur Begründung und Rechtfertigung seiner Konversion
heranzieht (Apg 21,17-21). Später stellt Paulus noch einmal öffentlich –
diesmal sogar vor dem römischen Statthalter Festus und vor König Agrippa -
seine Konversion zum Christentum als Folge seiner Damaskus-Vision dar (Apg
26,1-20). Tatsächlich sind solche extremen Persönlichkeitsveränderungen zumeist
nur als Folgen von NDEs bekannt.
Im Gegensatz
zu den NDEs erfüllt aber auch das Paulus-Erlebnis mehr Echtheits- bzw.
Verifikations-Kriterien. So wird die Stimme nicht nur von Paulus, sondern von
allen Anwesenden gehört; nach Apg 21 haben die Begleiter auch das Licht
gesehen, so dass hier eine von vielen gleichzeitig gesehene Vision vorliegt,
die die Kriterien eines shared near-death experiences (40) weit übertrifft, da
es von allen anwesenden Menschen erlebt wird und somit das psychiatrische
Kriterium einer Wahrnehmung der Realität erfüllt. Das Licht hat aber auch
physische Auswirkungen, die Präkognition und die Vision von Paulus erfüllen
sich ebenso prompt und genau wie die parallele Vision des Hananias und die
Konversion ist zielgerichtet - also nicht wie bei vielen NTErn verloren in
einer dauernden Suche nach ihrer spirituellen Aufgabe - und gelingt
vorbildlich.
Diese
Unterschiede lassen die NDEs somit ein weiteres Mal als Vorspiel bzw. Andeutung
einer echten Erfahrung erscheinen; ihnen fehlt also noch das Maß der
Verifizierbarkeit und somit der Realität, das die Paulus-Vision besitzt. Die in
wissenschaftlichem Gewand einherkommenden Rationalisierungsversuche selbst der
Erfahrung des Paulus als Epilepsie mit Aura und Hemianopsie (553,C1333-1334)
oder aber als
Erschöpfungszustand
durch Hitze und Sonne ...
mit
einer starken Blendung bei UV-Licht-Keratitis und/oder einer Retinopathia
solaris (37)
sind somit nicht
nur in sich zweifelhaft, sondern als Erklärung für die genannten NDE-Elemente
völlig unzureichend. Sie sind in sich zweifelhaft, weil die Diagnose einer
Epilepsie bei Paulus eine reine Vermutung ist und die dreitägigen
Hemianopsie-Dauer des Paulus nicht mit der Dauer einer eventuell epileptisch
bedingten Hemianopsie übereinstimmt. Eine Solarretinopathie wiederum müßte für
den Rest des Lebens eine Beeinträchtigung des zentralen Sehens hinterlassen
haben (37), wofür es keine Belege im Neuen Testament gibt.
Beide
Erklärungen schließlich können das Auftreten von NDE-Elementen, insbesondere das
Hören der Stimmen auch durch die Begleiter des Paulus und dessen dabei
aufgetretende Präkognition nicht erklären. In ihrer Ausblendung als auch der
einseitigen Betonung bestimmter Fakten erweisen sie sich als ein typisches
Beispiel pseudowissenschaftlich-reduktionistischer Blindheit für
außergewöhnliche Bewusstseinszustände und mystische Erfahrungen.
Auch
Stephanus hielt seine vor einer unmittelbar bevorstehenden Steinigung gemachte
Nah-Todes-Vision für ganz real (Apg 7,55). Schließlich schildert der Apostel
Johannes in der Offenbarung noch andere, z.T. an moderne NDEs erinnernde
leuchtende paradiesische Jenseitsbilder. Dazu zählt z.B. die himmlische Stadt
Jerusalem (Offb 21,10-25).
In dieser –
lange nicht alle NDE-ähnlichen Erfahrungen im Neuen Testament und auch die
Parallelen nicht untersuchenden – Übersicht zeigt sich somit ganz klar:
Die
Auferstehung Jesu ist durch ein vielfaches Wiedersehen/Erscheinen des
Gestorbenen belegt und wurde dadurch für die ersten Christen zum Beweis für ein
Leben nach dem Tod; zuvor schon war die Auferstehung Jesu Zentrum der Lehre
Jesu und später auch der urchristlichen Gemeinden. So sagte Apostel Petrus in der
Pfingstpredigt, dass bereits David geredet habe „von der Auferstehung Christi,
dass seine Seele nicht dem Tode gelassen ist und sein Fleisch die Verwesung
nicht gesehen hat. Diesen Jesus hat Gott auferweckt; des sind wir alle Zeugen"
(Apostelgeschichte 2, 31. 32). In seiner Predigt nach der Heilung eines Lahmen
sagte derselbe Apostel unter anderem: „... den Fürsten des Lebens [= Jesum]
habt ihr getötet. Den hat Gott auferweckt von den Toten; des sind wir Zeugen
... Euch zuvörderst [d. h.: zuerst für euch Juden] hat Gott auferweckt seinen
Knecht Jesus" (Apostelgeschichte 3,15.26). Im Haus des Kornelius sagte
Petrus: „Den [= Jesum] haben sie getötet und an ein Holz gehängt. Den hat Gott
auferweckt am dritten Tage und ihn lassen offenbar werden, nicht allem Volk,
sondern uns, den vorerwählten Zeugen von Gott, die wir mit ihm gegessen und
getrunken haben, nachdem er auferstanden war von den Toten"
(Apostelgeschichte 10, 39‑41).
Auch in den
Predigten und Briefen des Apostels Paulus wird die Auferstehung Christi immer
wieder bezeugt (vgl. u. a. Apostelgeschichte 13, 30. 34;17). Trotzdem gab es
unter den ersten Christen welche, die die Auferstehung in Zweifel zogen. Das
geschah auch in der Gemeinde zu Korinth. Irrlehrer hatten sich gegen den
Glauben an eine Auferstehung ausgesprochen. Das nahm Apostel Paulus zum Anlass,
diesen grundlegenden Glaubens‑ und Lehrinhalt zu erläutern. Ohne den
Glauben an die Auferstehung wäre nach den Worten des Apostels der Glaube an
Christum sinnlos: „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt
vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich" (1. Korinther 15, 14).
Jesus selbst wollte definitiv, dass seine Nachfolger wissen, dass und wie es
nach dem Tod weitergeht (Joh 14,1-3).
Tatsächlich
ist Jesus der einzige Mensch, der von den Toten zurückgekommen ist. Damit
sind der Dualismus in der Unterscheidung von Leib und Seele und der Glaube an
die Unsterblichkeit der Seele Erfahrungswissen des NT wie auch tausender NDEr.
Im Gegensatz zu den NDEs und allen anderen Religionen jedoch weiss
das allein NT etwas von Nachtoderfahrungen (in der Auferstehung Jesu und
des [schon verwesenden] Larzarus); NDEs und der Buddhismus dagegen enden mit
veränderten Wachbewusstseinszuständen im Diesseits.
Die Bedeutung
ungewöhnlicher, d.h. Jesus-zentrierter mystisch-außersinnlicher Wahrnehmungen
und Wunder war somit die Kraft, die die Christen gegen alle Widerstände an
ihrem Glauben festhalten liessen. Theologische
Sätze wie „Es ist noch niemand von den Toten zurückgekommen“ – „In der Bibel
steht nichts von Unsterblichkeit“ – „Es könne nicht um Wissen gehen bei der
Frage nach dem Leben nach dem Tod, da es keine Erfahrung vom Leben nach dem Tod
gibt“ sind also weder empirisch noch christlich haltbar und damit falsch. Auch
andere theologische Aussagen wie „Die Bibel sagt nichts zum Leben nach dem
Tod – aber Karl Barth hat gesagt ...“
sind nach der Lehre, dem Leben, dem Tod und der Auferstehung Jesu überflüssig.
Denn Jesus wollte klares Wissen von einem realen Leben nach dem Tod vermitteln
(Joh 20,29)!
Dieser
Umgang Jesu mit dem Zweifler Thomas belegt: Die (heutigen) theologischen
Zweifel an der realen Weiterexistenz nach dem Tod – und die daraus
resultierenden Publikationen - stehen somit in diametralem Gegensatz zu den
neutestamentlichen mystisch-außersinnlichen Erfahrungen (der Auferstehung
Jesu). Die moderne Theologie hätte somit die Entstehung des Christentums
erfolgreich verhindert. Erst die postmoderne Theologie (Bergers) - und immer
schon diejenigen, die die frohe Botschaft des Neuen Testaments im Glauben annahmen – finden zu Jesus zurück.
Oder anders
ausgedrückt: Nah-Todeserfahrungen können
1. (ähnlich wie die Parawissenschaften) zu einem
erweiterten Wirklichkeitsverständnis beitragen: Es gibt Erfahrungen, die unsere
Alltagswelt transzendieren und bislang unfassbare Bereiche von Wirklichkeit
ahnen lassen.
2. dem theologischen Denken Indizien für eine
Fortexistenz des Menschen über sein körperliches Ende hinaus an die Hand geben.
3. der kirchlichen Verkündigung von einer Zukunft
jenseits des Todes aus farbloser Blässe und formaler Abstraktheit ein wenig
heraushelfen und zeitgemäße Symbole und bewegende Erfahrungen als
Anknüpfungspunkt anbieten.
4. das theologische
Denken und die Glaubensverkündigung stärker mit religiösen Erfahrungen
unterlegen als Alternative zu einseitig dogmatisierender, moralisierender,
politisierender oder psychologisierender Glaubensvermittlung.
...
Gelegentlich wird warnend auf die „Gefahr"
hingewiesen, „den christlichen Glauben an Gottes Offenbarung in Jesus Christus
durch die anderweitigen ,Offenbarungen' ... abstützen oder ergänzen zu
wollen".
... Von einer Selbstsicherheit, die keine
Unterstützung nötig hätte, ist christlicher Glaube heute weiter entfernt denn
je. Außerdem handelt es sich nicht um „anderweitige Offenbarungen" oder
gar um Modeerscheinungen, sondern um Varianten von Erfahrungen, die Wurzeln im
NT haben und tief in der christlichen Frömmigkeitsgeschichte verankert sind.
Ferner wird die neutestamentliche Offenbarung nicht „ergänzt", weil wie
dargelegt ‑ eben diese Offenbarung den Bezugsrahmen abgibt, in dem
Erfahrungen in Todesnähe theologisch legitim rezipiert werden dürfen.
„Gefahr" geht nicht von einer überlegten theologischen Rezeption der NDE
aus, sondern von einem Trend, dass Kirche von ihrem ureigensten Gebiet, nämlich
dem der religiösen Erfahrung, verdrängt wird und dass sich eine kirchenferne
private Spiritualität weiter aufbaut (39).
Eines jedoch ist sicher: In ihrer religiösen Bedeutung, ihren
verifizierten mystisch-paranormalen Erfahrungen und ihrem Vorbildcharakter
übertreffen Leben und Lehre Jesu alle NDEs bei weitem. Nah-Todeserfahrungen
können bestenfalls ‑ wie auch unter anderen Bedingungen auftretende
mystische Erfahrungen ‑ religionsverstärkend wirken und damit die
Möglichkeit zu vermehrtem Wachstum eröffnen. Dieses erfordert jedoch wie alle
religiösen Wege harte Arbeit und Disziplin ‑ und darin kann
selbstverständlich auch der NDEr versagen! NDEs sind somit allenfalls
Katalysatoren für einen weiteren mühsamen Entwicklungsprozeß; sie sind nur
Wegweiser bzw. kurze Einblicke in bzw. Informationen über ein lohnenswertes
Ziel. Der Weg dorthin muß weiterhin in spiritueller/religiöser Disziplin der
Nachfolge Jesu als der anthropologisch gesündesten Hochreligion gegangen
werden; eine esoterisch‑wahnhafte Religiosität als Interpretationsrahmen
der NDEs macht die potentiell positiven Effekte der NDEs wieder zunichte (3).
Nah‑Todeserfahrungen sind also nur das Wasser für
den Samen, den die religiösen, philosophischen oder gar politischen
Weltanschauungen gelegt haben. Das Wasser des Nah‑Todeserlebnisses läßt
deswegen dann auch ganz unterschiedliche Pflanzen wachsen ‑ mit guten
oder schlechten Früchten. Damit erfüllt sich wieder ein Wort Jesu: „An ihren
Früchten“ ‑ und nicht an ihren Nah‑Todeserfahrungen – „sollt Ihr
sie erkennen" (Matt 7,16). Und nur durch die Nachfolge Jesu – nicht aber
durch akzidentielle Todesnäheerfahrung – kommt der Mensch an sein Ziel und
damit zu Gott.
1 Klaus
Berger, Jesus. Pattloch Verlag, München 2004
2 Rainer
Riesner, Jesus als Lehrer. J.C.B. Mohr, Tübingen 1984³
3Schröter-Kunhardt,
M, Nah-Todeserfahrung – Grundlage neuer Sinnfindung. In: Hermes A. Kick (Hg): Ethisches Handeln in den
Grenzbereichen von Medizin und Psychologie. Mit Beiträgen von Axel W.Bauer, Uwe
Bleyl, Dietrich von Engelhardt, Hermes Andreas Kick, Walter von Lucadou,
Nossrat Peseschkian, Samuel Pfeiffer, Dietrich Ritschl, Heinz Scheurer, Wolfram
Schmitt, Michael Schröter-Kunhardt, Alfred Simon, Reiner Wiehl. LIT VERLAG,
Münster, 2002
4 Schröter-Kunhardt
M, Das Jenseits in uns. Psychologie Heute, Juni 1993, 64-69
5 Nah-Todeserfahrungen
oder: Ein neues anthropologisches Paradigma. TW Neurologie Psychiatrie 6/1992,
621-622
6
Schröter-Kunhardt M, Erfahrungen Sterbender während des klinischen Todes. In:
R.Schwarz/S.Zettl (Hrsg.), Praxis der psychosozialen Onkologie:
Versorgungsangebote für Klinik, Praxis und häusliche Pflege. Verlag für Medizin
Dr.E.Fischer, Heidelberg 1993, 539-543
7 Schröter-Kunhardt M, Erfahrungen
Sterbender während des klinischen Todes. TW Neurologie Psychiatrie
9/1995,132-140
8 Schröter-Kunhardt M, Erfahrungen Sterbender während des
klinischen Todes. In: Knupp B, Stille W
(Hrsg.), Sterben und Tod in der Medizin.Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
mbH, Stuttgart 1996, 71-76)
9 Schröter-Kunhardt M,
Nah-Todeserfahrungen: Psychologisch-biologische Grundlage für den Glauben an
ein Leben nach dem Tod. In: Petersen P, Majestät des Todes - Bewegung des Lebens.
3. Symposion für künstlerische Therapien. Kongreßband, Hannover 1997,93-117
10 Schröter-Kunhardt M,
Nah-Todeserfahrungen: Psychologisch-biologische Grundlagen und
Erklärungsansätze für ein Leben nach dem Tod. Ars Medici 15/1997,868-875
11 Schröter-Kunhardt M,
Nah-Todeserfahrungen: empirisch-biologische Grundlage für den Glauben an ein
Leben nach dem Tod. In: Assmann J,
Trauzettel R (Hrsg.): Tod, Jenseits und Identität. Verlag Karl Alber GmbH,
Freiburg/München 2002
12 Schröter-Kunhardt M, Nah-Todeserfahrungen:
Letzte und existentielle Erfahrungen an der Grenze des Todes. In: Kessler, H:
Auferstehung der Toten: Ein Hoffnungsentwurf im Blick heutiger Wissenschaften.
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004
13 Schröter-Kunhardt M, Unterweltfahrten als
„near-death experiences“: Ein Beitrag zur Deutung negativer Nah-Todeserlebnisse
in: Herzog M (Hrsg.), Höllen-Fahrten: Geschichte und Aktualität eines Mythos.
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14
Schröter-Kunhardt M, Oneiroidales Erleben
Bewusstloser. IN: Kammerer Thomas,Traumland Intensivstation: Veränderte
Bewusstseinszustände und Koma: Interdisziplinäre Expeditionen. Books on Demand
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15 Schröter-Kunhardt M, Negative
Nah-Todeserfahrungen: Gibt es eine Hölle? Grenzgebiete
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15 Bender H, Umgang mit dem Okkulten.
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16 Bender H, Verborgene
Wirklichkeiten: Aufsätze zur Parapsychologie III München: R.Piper GmbH & Co
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17 Von Lucadou W, Psyche und Chaos:
Neue Erkenntnisse der Psychokinese-Forschung. Aurum Verlag, Freiburg im
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auch nur Menschen: Was steckt hinter okkulten Erlebnissen? Ein Aufklärungsbuch.
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19 Walach H, Trance und Telepathie -
eine ethnopsychologische Studie. Zeitschrift für Parapsychologie und
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20 Haraldsson E, Houtkooper JM: Eine
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Absinkungseffekte. Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der
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im Traum. Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie
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34
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35 Ärzte
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38
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40
Howarth G, Kellehear A, Shared Near-Death and related illness experiences:
Steps on an unscheduled journey. Journal of
near-death studies 20 2/2001,73-77
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Familie Zwölfer mit weiteren Texten der Nahtodforschung